Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Volksbühneseptember

Vom Hören, Suchen und Verschiebungen. »Ein Schiff« nennt es Christian. Während wir durch das Labyrinth irren. Auf der Suche nach der Kantine. Kombüse, um in der Terminologie zu bleiben. Hallo, Ihr Hanseaten von Bureau-B, bitte übernehmen! Natürlich suchen wir die Kantine gar nicht. Christian, Dramaturg der Musikbühne an der Volksbühne und Head of Headquarter, kennt die Wege und weiss natürlich, wo die Kantine ist. Der einzige, der irrt, bin ich, nämlich hinter ihm her. Ich liebe die Monitore, die in jeden zweiten Gang an der Decke montiert sind, und die Bühne zeigen, und die Lautsprecher, die in jedem zweiten Raum installiert sind, wo eine metallene Stimme erklärt, was gerade auf der  Bühne vor sich geht, und einem einzählt, wann man auf selbiger zu erscheinen hat. »Von aussen, wenn man sich dem Gebäude nähert, muss ich immer an einen Bug denken…« Oder vielleicht Heck? Matthias von Bureau-B war im Publikum, er wäre jetzt unser Mann. Später zurück in Hamburg telegrafiert er, dass er uns im Vorraum zu finden suchte - Offiziersmesse?? Alex und Detlef hatten den prächtigen Ort für die Bar 3 verlassen. Temporär. Matthias hatte noch versucht, uns zu erreichen, aber unter Deck (langsam habe ich den Jargon drauf), ist kein Funkverkehr. Scheinbar. Thomas hat bereits ein Getränk vor sich. Ich hatte die Kantine von unseren letzten Gastspielen als tatsächlich unter Tage (Moin, Moin) in Erinnerung, und bin überrascht vom Straßenlicht. Alex und Detlef mit weiterer Entourage treffen ein, und mit Filterzigaretten, Flaschenbier, Deligurken, Erdnüsschen und Salzstangen beschliessen wir einen wunderbaren Konzertabend in der Volksbühne, wo ich nicht nur Stabil Elite in unserem Vorprogramm gesehen hatte, sondern auch Heinz Emigholz wunderbaren 21 minütigen Take auf ROTE WÜSTE auf der großen Leinwand auf der großen Bühne. Und überhaupt, großes Publikum!

Kino International.

Ich musste an Diedrich Diederichsen denken, wie er einmal bei Straub/Huillet bemerkte – ich glaube zu »Der Tod des Empedokles« –, die schönste Art, Landschaft zu zeigen; da sieht man hier die schönste Art, Bewegung im Film darzustellen. 

Das Bild ruht, ein paar Sekunden, dann folgt der Schnitt zum nächsten. Von stehender Einstellung zu stehender Einstellung. Die Schräge dominiert, das Auge braucht einen Moment, um sich zu orientieren, irrt herum. Die Stimme schweigt, kein Kommentator, das Umgebende schwingt und singt, ein Hubschrauber, Insektenpfeifen, Strassengegenverkehr, Passanten auf leisen Sohlen. Zu ahnen. 

Und: alles Statisten, hier vor allem mit der Funktion, Dimensionen fassbar zu machen.

Die Bildausschnitte fangen Diagonalen ein, verqueres Blinzeln, queerer Blick? Wir wollen jetzt mal bitte schön nicht überinterpretieren! Aber Ausschnitte, die Vertrauen und Gelassenheit wecken, die gebaute Welt, man freut sich, wenn der Blick gelenkt wird, sieht doch alles ganz gut aus. Schönheit entsteht eben nicht im Betrachter, aber er kann sie umsetzen, wenn er kann, kann weitermachen, von hier aus. Zurück zum Beton, von mir aus. Natürlich auch: die Bewegung in der Zeit, Geschichte, Altern, das vergessene Bereitsgewusste.

Wie der Film auf der Leinwand, wie »Parabeton« sich im Vorführraum fortsetzt. Mir schwinden die Sinne.

Schnitt. Fabrikanlage, Wunder der Arithmetik, Arbeiter in Arbeiterklasse, unendliche Rollen Papier – Papier, natürlich Papier – Gabelstapeln, Farben verblast und schönstes Grau, Ausschnitte, nur Sekunden, dann der Schnitt, der Ton läuft weiter, die Überwindung der Natur, ein Triumph des Blickens über das zu Sehende.

Und: keine Musik stört, ausser sie war im gefilmten Raum, oder in einer imaginären Potenz des gefilmten Raums.

Standbilder kündigen mit Zahl und Lage das zu Sehende an, erden das Auge, festen das Denken. Kapitelation. Für den Moment. Gewissermaßen.

Das Video zu ROTE WÜSTE ist von Heinz Emigholz.

Zwischen Zeitgeist’s Wunderkind und Schlafumwandler

KREIDLER DEN

Seite Eins
SUN
DEADWRINGER
ROTE WÜSTE

Seite Zwei
CASCADE
MOTH RACE
CELTIC GHOSTS
WINTER

Zwischen Zeitgeist’s Wunderkind und Schlafumwandler

Kreidler Album 2012

Seite Eins
Stück Nummer Eins
Stück Nummer Zwei
Stück Nummer Drei

Seite Zwei
Stück Nummer Eins
Stück Nummer Zwei
Stück Nummer Drei
Stück Nummer Vier

Freundchen

»Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde«
(Rainald Goetz, Krieg, 1986)

Manchmal ist man ja froh, dass man nicht ausgeht, dass man ein Konzert verpasst, die Band, aber vielleicht auch die Zuschauer, und oder opportunistischen Entscheider und oder kriechenden Verhinderer unter ihnen, das feige blasierte Pack, und was es hochgeifert, damit Masse es frisst und liebt und weiter hoch geifert, den ganzen Scheiss eben. Das sei doch menschlich, setzt Curtis zu einem Trösten an – ja scheisse, wenn das menschlich ist, was bin ich denn dann? Manchmal ist man ja froh, um nicht doch noch zur M. E. der Musikwelt zu werden, und seinen ganzen Hass und seine ganze Häme auszuschütten, wo man doch eigentlich nur traurig resignieren will oder kann, was weiss ich, mit der Schulter zucken – egal, ich bin ja zuhause geblieben, in einer Mischung aus finsterem Vorahnen, feiger Ausweichung und gerechter Faulheit. Und hatte einen gelungenen Abend mit einem dicken Paket feinster Wiederveröffentlichungen auf Bureau-b, und frühem Zubettgehen mit rauchfreiem Haar und katerfreiem Aufstehen am nächsten grauen Morgen.

Volkan

BOOM! goes the vulcano, the same word Richard Burton keeps on whispering in Joseph Losey’s masterpiece Boom! we watched the other night, the same word is engraved in Andro Wekua’s piece, a man-size stone cut of rock of Mount Etna, and the same sound it made after it was pushed into the Tyrrhenian Sea.

Und Tag Acht.

Morgendusche. Auftauchen. Am Küchentisch schiebt mir Thomas seine neu geordeten Drumfiles rüber.

Spät war es geworden für uns. Nach den After-work-pints bei Skulpi an der Atlas Bar, Zentrum Kreuzberg, hatte Thomas noch das Schlagzeugarrangement für Stück Nummer Sieben umgeschnitten, während ich Stück Nummer Sechs ausspielte; wie sich am nächsten Tag herausstellen soll mit einem ordentlichen Mangel an Konzentration, so dass Guy mich wiederholt zum Appell vor das Pult zitieren werden wird. Darüber hinaus verschlief ich im nachtens anschliessenden Umbau von Trogdons/Reihses »Repeat/Fade« (Deadline von vor 10 Tagen), einem Song für Nadim Vardags gleichnamige Ausstellung in St. Gallen (Eröffnung diesen Freitag, also jetzt), dass ich auch noch für eben jeniges Stück Nummer Sieben die MPC-Einzelspuren zu arrangieren gehabt hätte, die ich gestern Spätmittags in der LowSwing Küche aufgenommen hatte, wo zu allem Überfluss auch noch das Hammerfall-Netzteil, schändlich billiger Ein-Euro-Plastik-Schrott aus Jena, Taiwan, seinen Geist aufgegeben hatte, welches ich geplant hatte, heute morgen vor Beginn des Studiotags bei Conrad Electronic, in Ermangelung einer Idee eines vielleicht angenehmeren Fachgeschäftes, gegen ein hochpreisiges Ein-Euro-Plastik-Schrott-Netzteil anderer Provenienz ersetzen zu wollen, Plan Plan Plan, die Zeit war längst davon geschwommen, noch eine Tasse Aspirin aus der Faema E-61.

Mittlerweile wurde mir der Gedanke, aus einem Stück zwei zu machen, ein immer besserer Freund: eine Ballade und einen Wüstenrocker, anstatt jetzt Thomas Version, die einen wirklich zupackenderen schnellen Teil hat, mit der vorhergehenden, die einen hübscheren langsamen Teil hat, zu verblenden; auch gerne erst den Wüstenrocker und als Abklang von Seite Eins die Ballade; denn eigentlich bräuchte ich fünf Stunden, um ein neues Arrangement zu basteln; wenn ich ehrlich bin, bräuchte ich eigentlich einen Tag; ich beginne zu schwitzen; ich versuche Thomas Neuordnung über die alte Ordnung zu stülpen; ich wünsche mir ein dreidimensionales Logic, mit verschiedenen Ebenen, mit verschiedenen Transparenzen, mit verschiedenen Ebenenfiltern mit verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten, Freirubbeln von dahinter liegenden Sequenzen, von darunter liegenden Foldern, nicht, dass das funktionieren würde, eigentlich möchte ich es mir überhaupt nicht vorstellen, wünsche mir, wie Heisenberg, ich könnte es auf der mathematischen Ebene belassen, als Verknüpfung von Zahlen, als algebraische Reihen und Rechenfunktionen, wie Bach wahrscheinlich komponiert hatte oder der blinde Stevie Wonder oder der taubgewordene Beethoven, aber wir sprechen hier von Band, und wir sprechen hier nicht Max, und wir beissen nicht in den vergifteten Apfel, ich bräuchte zwei Tage, wenn ich ehrlich wäre, im Studio angekommen, baue ich im Arbeitsplatz Küche auf, gerate ins Schwitzen die nächsten drei Stunden, nicht zu schaffen, ich kriege schlechte Laune, was es energetisch nicht einfacher macht, Detlef schlägt eine Mittagspause vor, wie soll das denn gehen? - geht nur, ihr!, Thomas, Alex und ich hören nochmals in unserer inszenierten Alternativabhöre über die Tannoys das vorhergehende Arrangement, Thomas gefällt es doch ganz gut, Ausatmung, ich lade seine neuen Perkussionselemente und die MPC-files auf die Rikiki und übergebe an Alex, und als Guy, Florian, Detlef und dann auch Thomas vom Essen zurück kommen, überreicht Alex die Stems. Wir schmeissen die Nebelmaschine an und unsere kleine Ampellichtorgel, und Fünf nach Neun hat Guy alle Mixe auf unsere Kanister überspielt, legt den großen Hebel um, das Licht ist aus, wir geh’n nachhaus, erschöpft und glücklich fallen wir uns in die Arme, mit nassen Augen und trockener Kehle, verabschieden uns, dann Würgeengel. Dann Abtauchen, dann: Danke Band.

Tag Sieben

»Warum nicht nach Stück Zwei Stück Drei!?«
(Helge Schneider, live 1989)

Warum nicht nach Stück Drei Stück Vier? Unser Motto für den Mittwoch Nachmittag. Guy Sternberg ist ein fantastischer Techniker. Geht nicht, gibt es nicht. Nicht bei ihm; auch auf den abstrusesten Einwurf von unserer Seite, den jeder Regeltechniker, borniert in seiner imaginierten Berufsehre gekränkt, abschmettern würde, versucht er, eine Antwort zu finden. Heute wirkt allerdings selbst er etwas rangenommen; unser Album-Programm hat auch uns strapaziert; von der arbeitenden Binnenpsychologie ganz zu schweigen; wo am ersten Tag die Bounced-in-position-Stems noch auf den Punkt zum Mixstart fertig waren, da schleppen wir nun; alle Ohren sind gefragt, zu viele Entscheidungen müssen am Pult getroffen werden, analoges Mischen eben, und dann verlangte Stück Nummer Drei plötzlich noch nach Weichem Editieren, das Arrangement wurde vorsichtig aufgeschraubt. Jetzt sitzt es perfekt, und klingt ebenso. Nur in Folge dessen ist Alex noch immer unterm Kopfhörer abgetaucht, verschwunden in Abhöre B vor seinem MacBook; hat er die Stems gebouncet, startet der Mix. Startet der Mix. Startet der Mix. Startet der Mix, jetzt gleich startet der Mix. Guy reinigt zum wiederholten Male die Fingernägel mit dem Stellmesser; Assistent Florian poliert sein Kleinkaliber.

Unglücklich ist, dass Guy mit Cubase arbeitet, wir mit Logic; wer war nochmals Protools? Wie im Kreidlerkeller so verstaubt es auch bei LowSwing, Ergebnis einer miserablen Update-Politik.

Unglücklich ist es übrigens nicht. So kommen wir gar nicht erst in Versuchung, irgendwelche Plugins aus unseren Rough-Mixen weiter zu verwenden, nur damit man sich beim finalen Mix dann daran zu Tode fummelt, oder, das heisst, wenn wir doch welche benutzen, dann sind sie direkt in den auf ±0 dB gepegelten, panoramafreien Audiofile eingerechnet, als Bestandteil des Klangs, also bei Synthesizern eigentlich nur.

Den morgigen, unseren letzten Tag, haben wir für das komplexeste Stück reserviert, wo Thomas meinen Take auf Alex Arrangement erst vor ein paar Tagen umgeschmissen hatte. Und Stück sechs noch, Alex Miniatur, von Andreas verdreht und neu instrumentiert, aber das abzumischen wird eine Minutensache, morgen früh, eine Fingerübung, da sind wir uns alle einig.

Tag Sechs

Dienstag kurz nach Siebendreißig pm, nachMittag, unser Abmischen rollt gut vor sich hin, ich verabschiede mich von der Band zum Screening bei Image Movement, die wunderbaren Authority Office, mit einer Geschichte über Verlust, in der ein Kugelschreiber eine tragende Rolle spielt. Inspirierend, ich weiß noch nicht, wohin, aber wann weiß man das je, später schon, vielleicht, in der Rücksicht. Alex verspricht mir, ein weiteres Stück zu Ende zu mischen und das vierte aufs Pult zu stellen. Das klingt gut, ich nehme die Worte mit auf den Weg. In leichtem Zweifel.

Natürlich, natürlich sage ich später, als sie um Viertelnachzehn pm, nachMittag, auf der Oranienburger Straße stoppen, mich aufzulesen, aber auch das sagt man immer später, in der Rücksicht, als hätte man es gewusst, zuvor gewusst, von wegen Stück Nummer Vier, natürlich bereitete Stück Nummer 3 Probleme und verblieb die Nacht auf dem Neve, zur Wiedervorlage am nächsten Morgen. Aber sie wären der Lösung auf der Spur, sagt Detlef mit dem ich den Abend erde und ende. Im Zillemarkt = keine Empfehlung. Also Engelhardt vom Fass schon okay. Trotzdem gute Nacht.

Tag Fünfeinhalb

»O gewiß, eines Bierzapfers Rechenkunst würde hinreichen,
diese Einheiten in eine Summe zu ziehn.«
(William Shakespeare: Troilus und Cressida; in der Übersetzung von Wolf Graf Baudissin)

Guy hatte um einen späten Beginn gebeten, was uns Anlass genug schien, den Tagesbeginn kurz nach Mitternacht im [[Das Schwarze Kaffee|Schwarzen Café]] einzuläuten.

An der S-Bahn Haltestelle hatten wir TANK Coverkünstler [[Andro Wekua|Andro]] auf seinem neuen, [[Ferrarirot|brandroten]] Rennrad gesehen und gleich mitgeschleppt.

Der Service ließ Berlinüblich zu wünschen übrig, das heißt, unsere Bestellungen versandeten irgendwo im Kopf des [[Servierhilfskraft|Obers]]. Das machte er mit [[Berlinunüblich|Berlinunüblicher]] Freundlichkeit aber wieder wett. So dass wir uns gezwungen sahen, länger als der Gesundheit und dem Volksempfinden zuträglich zu bleiben. Der Wecker sollte uns gnadenlos in den zweiten Tagesbeginn reißen.