Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Mediterrania 20 Uné Trois (ein Schritt weiter)

»3+3=33«
(Mediterranes Alphabet)

Soll ich vom Aufnehmen sprechen, vom Bücken, sich Strecken, mit dem Schrubber, Verwerfen, Aufheben, Für später, oder nicht, wie der Brief auch hier sein Ziel erreicht, verfehlt, ohne Antwort bleibt, statt einem Nein, A Du kleines A, keine ist auch eine, eine von uns, unter uns, soll ich Erzählen von den Twists and Turns, die an jeder Ecke warten, verharren, verwirren und verwickeln, Dich (mich) narren, vom Entspannen, von den Entscheidungen, die einem in den Weg gelegt werden, großer Abzweig, schwarzer Löwe, kaum gesehen, schon gehenkt, vom abgebrochenen Schlüssel, der sein Schloss nicht fand, oder vielmehr doch, da es nur für ihn da war, soll ich beschreiben, wie es kam, dass niemand mehr antwortete oder eben doch (wie gesagt), vom Verlorensein (dem persönlichen), das natürlich noch andere Gründe hatte, profane oder mondäne oder profunde, abgrundtiefe, von Zahnschmerzen im Herzen, schlägt, ach, in meinen Brüsten, von Enttäuschungen von allen Seiten und Saiten, die schwingen, und von schlechter Energie, die ich dann der Einfachheit halber mir zuordnete, vielleicht auch nicht so falsch, wie alles zerbrach und zerbricht und zerbricht.

Den kleinen Schienenkreis für die Kamera hätten wir aus Kiew bekommen können. Großes Filmland Mediterranien, es war einmal, nannte sich Sowjetunion, die Wege waren kurz, vom Studentensalär am Monatsanfang mal schnell nach Moskau geflogen, zum Teetrinken, Kunstgucken und abends wieder zurück. »Dritte Welt sind wir selber«, sagt Heinz so richtig. Gelassen im Heute. Aus Berlin blickend. »Wenn gefilmt wird, dann ist die Saalmiete aber höher.« Ein weiterer Versuch. Perlt von uns ab. Sechzig Glühbirnen sind noch zu wechseln. In düsterem Graugelb bleckt der monumentale Saal seine Zähne. Mit edelster Holzvertäfelung, mit feinstem Parkett, mit schillerndster Lichtarchitektur. War gar nie als Aufnahmeort gedacht gewesen. Dennoch, ein schwebender Raum auf hydraulischen Beinen, mit frei eingelassenen Wänden inmitten des Gesamtgebäudes atmend. Wände als Variable, Lamellenartig alles beweglich, leichtfüssig, kein Quietschen, kein Knarren, drehen wir die Akustik einmal um; Faltungshall, was war das noch, this is the real thing baby, da fällt Dir nicht mehr viel ein. War gedacht und dann auch Praxis, das wisst Ihr ja schon, ein idealisiertes Kino, die Leinwand hängt noch weit oben an der Decke, andere Seite der Schlitz für die Projektoren; da liess das Politbüro gerne mal Viere gerade sein-sein. Dann der Bürgerkrieg, Staub und Vergessen. Und ein Versinken wie der Phoenix in der Asche.

Soll ich nicht vielleicht doch lieber erzählen, wie alles gut war und gut wurde, auch von uns gemacht wurde, und von der Liebe (lieber nicht), vom Verrücken und Verrückten und der ganzen blöden Emotionalität und der Nähe und vom Loslassen wollen und nicht können und vom Hassen vor lauter Liebe und nicht wissen, wohin (wohin auch), Verloren im eigenen Land, meinst Du im Zement, wo ich ein Heim hab’? – verstehst Du nicht? Verstehst Du nichts? Anfassen und Begreifen, wieder einmal, nur Clownerie, Fasanerei, gamepranche opopi, nichts wie weg, nur wohin. Draussen nur Kännchen.

Mediterranoktomberi

»If you come and listen to my music
and you don’t like it, 
I’ll go back to dental school.«
(Steve Jack Morel Guttenberg to Valerie Samantha Simpson Perrine, 
Can’t Stop the Music, 1980)

Mediterranooktomberi, Mtkvarse, oben im Eck, über dem Mtkvari, den das offizielle Russland kurzerhand in Kura verschlankte, mediterranische Gaumenbrecher sind die Sache des kühlen Kyrillen nicht. Ehemalige Fischrestauration, jetzt der coolste Club mit der coolsten Programmierung Mediterraniens, wo das Wort cool noch eine Bedeutung hat.

Was soll ich sagen. Wir spielen ziemlich Punkrock – Kreidler im Sinn –, für das schönste Publikum in einer Stadt, in der das Wort Schönheit noch eine Bedeutung hat.

Danach legt Berro auf, als gebe es kein Morgen.

didi madloba. zaalian. Thank you all.

Mediterrania 20 Uné Trois

»Let’s go to Paradise Jack«
(Marc Almond, 1988)

Mediterrania, Neustart, Anno Zero Ich. Solitudes. Un état et des variations. ZWEI ZWEI Zweiundzwanzig. That’s how I like my life to be. Oder auch nicht. Wie gehabt (oder eben auch das nicht). Ein grandioses Durcheinander. Und eine noch viel durcheinandere Grandiosität. Von den Füßen auf den Kopf gestellt.

Ich reise durch Räume und Zeiten, in kurzen Hosen, aber in guter Gesellschaft. Ich reise, wie man ständig von sich selbst spricht, selbst in der dritten Person, und wo ich reise anschlagen will, immer reihse schreibe und dann zurück muss, weil ich mich doch geweigert hatte, ein Korrekturband einzulegen.

Der Raum, in Schönheit und kitschferner Opulenz kaum zu steigern. Was als Schnittstelle und interne Projektionsfläche gedacht und gebaut worden war, ein imaginärer Ort für imaginäre Spiele, und als draussen die Realität tobte, aber weder Einlass erhielt nicht einmal begehrte, als das Schlachten kein Spiel mehr war, sondern tausend tote Körper die Felder säumten, da wurde auch der Ort vergessen. Und das Spiel war aus.

Was war möglich? Alles schien möglich! Und wurde doch erstickt von der Boshaftigkeit des Menschen. Man versuchte es mit Erziehung, doch der gute Mann wurde krank. Man versuchte es mit Zwang, ist denn das Fremde nur toleriert, wenn sein Nichttolerieren verboten ist? Doch der gute Mann starb, und der Böse übernahm, und so kam eines zum anderen.

Was ist möglich? Vielleicht zumindest und immer wieder, ein Aufzeigen, was denn möglich sein könnte, vielleicht über Jahre, vielleicht Jahrzehnte, ein Verharren in der Idee, ein Nachdenken, ein Weiterdenken, ein Öffnen in Richtungen, aber die Idee im Kopf behalten, vertiefen, vertiefen, vertiefen.

Der Taxifahrer bekreuzt sich an jeder Kapelle, die wir passieren, den Rückspiegel seiner Opel Limousine hat er mit Heiligenbildchen zugeklebt, so dass er im Straßenverkehr tatsächlich Hilfe von irgendwo da oben zu brauchen scheint. Ist NFA Kirche und Zuckerberg Börse oder andersherum? Der Auftrag an Lemmy Caution lautet, ihnen das kapitalistisch Raubtierhafte auszutreiben und Intelligenz und Menschenliebe zu implementieren. Die Segnungen der Biotechnologie, und alles wäre gut.

Alles nicht. Gonio with the Wind, Kari Kris, geboren als Elinore Harris, so vertippe ich mich wieder und wieder und reihse weiter, dahin, wo das Meer so schwarz ist, wie die Seele, aber immerhin, ich habe das andere gesehen, und irgendwann werde ich davon berichten.

FS-K

Zweitausend 9-10-11 haben wir im Festsaal Kreuzberg gespielt – 12 hatten Kreidler pausiert, aber ich stand auf der Bühne beim CTM Festival – für 13 für Ende August war unser nächster Auftritt geplant, Alex war hier mit Coloma, natürlich waren wir auch ein paar Dutzend Mal als Gast im Festsaal, Alex hatte »Strange Weather, Isn’t It« von !!! hier vorproduziert und wir unser Album TANK.

Wann hatte die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle? Nach 16 Stunden? Mit Temperaturen von bis zu 400 Grad Celsius? Dass allein ein Feuermann leicht verletzt wurde, immerhin ist ein Glücksmoment. Die Betonhülle wird wohl noch stehen, das wunderbare Holzinterieur, die Bühne, die Bar, der Boden, die Balkone, dürfte auf ein Häufchen Asche reduziert sein. Wie viele Monate muss man wohl lüften, in einem fensterlosen Gebäude, bis der Geruch sich verzogen hat.

In der Hoffnung, dass das Festsaal Team diesen immens wichtigen Ort möglichst bald wo auch immer weiterführen kann und wird.

Hamburgjuli

»CITY LIGHTS & SHOP WINDOWS like a phoenix rising« ANIKA plays ANIKA with KREIDLER’s Thomas Klein Alexander Paulick Andreas Reihse, and Tyler Pope, special guest Bryant K

Alex und ich getrennt am Selektieren, Arrangieren, Musizieren, gegenseitiges Vorspielen und Korrigieren, später zwei Stunden Probe mit Tyler, noch später zwei Stunden Probe mit Tyler und Thomas, zweimal eine Stunde Probe Alle mit Anika, und zehn Minuten mit Bryant K. Dann packen wir den Schwarzen Volvo voll, und ich freue mich auf ein Wiedersehen mit den Berliner Festspielen, wo ich zuletzt bei Michael Clark Company war, vor Jahren, vor Hannover, damals noch mit dem Goldenen Volvo.

Die Minimalisten.

Nach dem Soundcheck wollen Thomas und ich einen Espresso trinken, ich schlage das Manzini vor, Alex braucht eine Bank, und ich schicke ihn am Rum Trader vorbei, über die Scharoun-Bar (+), Asta Nielsen Gästehaus, Daniel Buchholz, Literaturhaus, ich kürze ab, am Emil und die Detektive Hotel links auf den Kurfürstendamm, lasse Thomas später zurück in Wilmersdorf, und mache mich auf nach Charlottenburg, die Garderobe wechseln und Anzüge und Krawatten für die Band holen.

Dirty Beaches geben Alan Vega mit Martin Rev Band und einem Hauch Add N to (X) und ziemlich prätentiöser Dämlichkeit an der Gitarre, aber in jung und schön, also alles ist gut. Ich bin mittlerweile doch etwas nervös, nur leicht, aber immerhin. Annika erkältet, wir spielen vierzig Minuten, Setliste gefällig, TERRY
HE HIT ME
YANG YANG
I GO TO SLEEP
COLDNESS
MASTERS OF WAR ft. Bryant K.
Ein britisches Leader of the Pack Stück, ein amerikanisches Wall of Sound Stück, Yoko Ono, The Kinks, Kreidler und Bob Dylan mit Bryant K, der durch das erträglich Historisierende ins unangenehm Jetztige schneidet. Applaus, Abgang, Applaus, Applaus, lange Nacht an der Bornemann-Bar und auf der Edler-Terasse.

The Brixton Crossroads – A Reading

Dalia Neis   Andreas Reihse, René Schohe   Cat Barich

word
                    sound
                   
and vision

Word Sound and Vision.
Nicht, dass Kreidler je sprachlos war, dass Kreidler je stimmlos war, aber im Tongebirge der letzten Jahre zumindest war die menschliche Stimme eher unterpräsent. Nicht, dass wir nicht mehr können, nicht, dass wir nicht anders können, nicht, dass das bei Tolouse Low Trax, Romantic Comedy oder Narrow Bridges nicht anders war und oder ist.

Und 2013 ziehen wir von Annie Lennox über Jacob Wren zu Anika.

Einen Haken schlage ich noch mit Dalia Neis und René Schohe und The Brixton Crossroads. Ungefähr das, was wir uns als Kreidler ft. DJ Sport 1994 gewünscht hätten, jemanden, der nicht nur Texte schreiben kann, sondern diese auch noch vortragen; das Cello tut das seine, und Cat kenne ich immerhin auch schon seit 13 Jahren. Nicht, dass heute daran irgendetwas falsch wäre, und schon mal gar nicht daran, dass es im West Germany stattfindet. Neben Festsaal und Berghain immerhin das Dreigestirn im Berliner Clubhimmel.

Düsseldorfjune

Schauer.

Aufgewacht. Ich wache auf und denke, ich habe Dreadlocks. Ich wage nicht, an meinen Kopf zu fassen. Ich gehe ins Badezimmer und wage nicht, in den Spiegel zu blicken. Ich gehe unter die Dusche und wage nicht, mein Haar zu waschen. Jemand hämmert gegen die Tür: »this is my room!« in der Tonlage von Sean Penn als Cheyenne in This Must Be the Place. Ich mag nicht. Rufe nur: »No, not.« Dennoch richte ich eine kleine Überschwemmung an, mein Pyjama rutscht von der Stange, und während ich ihn trockenföhne, rasst draussen Martinshorn und Blaulicht vorbei, 9:33, kurz nach Halbzehn, bremst neben dem Hotel, fährt ins Gelände, lange vor Festivalbeginn, die ersten Alkopopsleichen. Wohl.

Viel später.

Der lauteste Soundcheck ever. Zumindest gefühlt. Die Leere des Stahlwerks tut ihr Übriges dazu. Wir streichen Rote Wüste wieder von der Setliste. Die Frequenzen scheinen uns für diese Nacht nicht beherrschbar. Dafür muss ich mein unliebstes Kreidler Stück akzeptieren – die Zutaten sind alle richtig, aber das Ergebnis gefällt mir nicht; dem Publikum um so mehr.

Festivals haben strikte Zeitpläne. Unser Set dauert auf die Minute exakt die veranschlagte Stunde. Das Publikum will uns nach Kremlin Rules aber nicht los lassen. Und Detlef beginnt eine nicht-vorbereitete Zugabe. Ich spiele das Stück, was wir in Mexiko zum ersten Mal öffentlich gespielt hatten, weswegen es auch den originellen Arbeitstitel Mexiko trägt. Und freue mich über Alex’ neue Harmonien, wobei ich schliesslich bemerke, dass alle ausser mir »Mosaik« spielen; allerdings scheint die MPC einen Programmfehler zu haben, denn anstelle des zittrigen Haupt-Loops läuft das harsche Kratzen aus Rote Wüste.

Spät verlassen wir das Stahlwerk, sehen Harmonious Thelonious im Salon des Amateurs, und um 5:53 Uhr trifft Team Berlin auf Gleis 17 den ICE nach Hause.

Nach einem kurzen Sommer brach sogleich der Winter an.

Nach einem kurzen Sommer brach sogleich der Winter an.

Wo war der Frühling, wo war der Herbst? Dass das dem Organismus zu schaffen macht, drei tropische Sonnentage und dann der Temperatursturz auf 12 Grad. Das andere sind ICE, moderne Hochgeschwindigkeitszüge, die bis auf Hundertneununddreissig Kilometer pro Stunde beschleunigen. Schon sind wir in Braunschweig, schon sind wir in Düsseldorf. Dass das nicht gut ist, ahnen wir auf unserer geliebten Supererde um Gliese 667 C. Sieben Tage sind ein Jahr. Siebzig Jahre sind ein Leben.

Das Open Source Festival, vor vier Jahren das gleiche Spiel, im kalten Regen, wo doch warme Sonne gebucht worden war. Dieses Jahr allerdings hat uns Philipp ins Bedachte einbestellt. Stahlwerk statt Rennbahn statt Schwimmbad. Damals in 2008, nach den Aufnahmen für Mosaik 2014, in der Eifel, in der Autogarage von Rosemarie Trockel, oder in unseren Köpfen, damals, war es nach fünf Jahren Pause wieder der erste Auftritt mit Alex und kurz, bevor dieses Schreiben hier beginnen sollte. Da riss der Himmel auf.

Düsseldorfjuni

Wecken. Schützenfest. Die rheinische Ausgabe der Loveparade. Enttäuscht müssen wir zu Protokoll nehmen, dass die Hundertschaften zwar ordentlich uniformiert sind, aber keine Waffen tragen, und ziehen uns ins Dunkel zurück.

Die eigentliche Schlucht, 1951 unter der Intendanz von Gustav Gründgens errichtet, ist Geschichte. Im Rahmen der großen Reinigung wurde der Theaterbau 1970 entsorgt – über ein Jahrzehnt nachdem die Koordinaten Bayreuths von allen Globen getilgt worden waren, die Festspiele auf dem dortigen Feldherrenhügel für alle Zeit verboten wurden, und Adolf-Hitler-Stadt wieder Braunschweig heißen durfte. Spät, aber immerhin, war nun auch der Name Mephistopheles nur noch ein Platzhalter für Schmach und Schande. Aufgrund einer Vertragsklausel allerdings musste die Einnistung eines Spielplatzes an selber Stelle für die nächsten 99 Jahre gewährt werden. Und diesen eroberte 1999 Niels Ewerbeck, vormals HAU-Dramaturg, mit Grandezza und benannte ihn Forum Freies Theater; die glamouröse Kathrin Tiedemann übernahm 2004. 

Das FFT residiert tief im Keller des geschichtslosen Büroneubaus. 

Kaum hatte der Hahn 12 Uhr gekräht, da sind wir schon beim Soundcheck. Professionell, gewohnt zügig, die vom Theater eben. Der bestellte Nebel bleibt uns aus feuerwehrrechtlichen Gründen leider verwehrt, Trockeneis ist unter Tage auch keine Alternative. 

Jacob Wren hat ein kleines Stuhlensemble auf der Bühne arrangiert, von dort aus wird er die Musikaufführungen beobachten und in Gesprächsrunden überführen; ausser uns wird auch Niobe eines seiner Stücke interpretieren, die mir unbekannten PDA, und das Düsseldorfer Akademikerquartett fragil: die behaupten frech Van Morrison, sind dann aber The Fall, grandios, vor allem ohne Schlagzeug.

Unser Song senkt die Innentemperatur um etliche Grad. Vampirmusik. Sagt man. Detlef fröstelst. Zum Konzert wird er in schwerer Montur antreten. Textnachricht aus Augsburg. »File bekommen. Handy leer. Bin um 7 da. Stop. Thomas.« Sølyst auf dem Nachhauseweg von kleiner Deutschlandtour, er wird sich im Hummer auf den Abend vorbereiten.

Um 18 Uhr jour fixe mit Jacob; er möchte den Abend mit einem gemeinsamen Stück abrunden. Jacob trägt The Broken Throat vor und fragt, any ideas? Erst mal den Refrain ändern, korrigiert Alex forsch: nicht »We will be replaced« soll es heissen, aber »We shall be replaced«; und schlägt weiter vor, den Song auf dem Bela Lugosi Beat von Bauhaus aufzubauen. Wie gesagt, wir sind in Vampirstimmung. Ran ran ran. Die anderen kapieren nicht. Der Schlagzeuger schon mal gar nicht. Wir spielen einmal Probe. Und, was wir in Eleganz, Kadenz und Dekadenz dachten, wird DDR-Boogie-Woogie-Rock. Auch gut. Nein, nicht gut. Zumindest den Kreidler-Part werden wir mit Alex im Duett mit Text-to-Speech in ein elektronisches Krautgewand zwingen. »We shall be replaced« – vom Keramiker, natürlich.

Später, im Bühnengespräch, wird Jacob Wren Momus ins Spiel bringen; dass wir ein Stück aus seiner Nick-Currie-Phase interpretiert hätten; und dann noch mit einer musikalischen Referenz an dessen Album Slender Sherbert. Plan und Theorie war das nicht, und beim Überprüfen, beim Selbsthören, hatten wir an Person To Person oder Will Powers gedacht, und The Kings of Electricity schon mal gar nicht wegen ElectricCity gewählt; uns war mehr an Jacobs eher distanziertem Blick gelegen und daran, dass er in diesem Song eine Gitarrenfigur gespielt hatte, die wir für uns adaptieren konnten.

Wir nehmen unseren Applaus mit, setzen uns auf ein Getränk und eine Zigarette ins Offene und begehen dann den neuen Tag auf der Umzugsparty von Busse & Halberschmidt. Marcelo war einst mit Filmteam dabei gewesen auf unserer ersten Frankreichtournee; ein Konvolut aus Bändern, Kassetten, analog wie digital, und eine Avid Floppydsic ruhen im Koffer in den Katakomben des Spreeblick Studios. Ungeschnitten. Time will Tell. Nicht enden wollender Getränkenachschub. Professionell, macht schnell, die vom Film eben.

Kaum zurück im Hotel schlägt der Kirchturm an. Wecken. Auf Düsseldorfs Strassen wird grauer Soldatenkaffee angeboten. Zu amtlichen Preisen. Ich kann nicht abschlagen und mache mich im Frühzug auf den langen Weg nach Westen. Wo Alex ein wenig später den Thalys nach Paris ansteuern wird.