Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Zappo

»Confusion will be my epitaph
As I crawl a cracked and broken path
If we make it we can all sit back and laugh,
But I fear tomorrow I’ll be crying,
Yes I fear tomorrow I’ll be crying«

(Pete Sinfield, King Crimson – Epitaph)

He’s gone. Jörg Zboralski… Aus der Ruhrgebietsgang. Weniger Gang im Sinne von Gang, als eher so erkennbar Ruhrgebiet wie eben auch Bohren und der Club of Gore, Rockford Kabine, Helge Schneider oder Jörg Paul Janka (Männerverein, versehentlich). So wie eben Wolfgang Voigt, Daniel Buchholz, Klaus Dinger, oder von mir aus Kreidler, unschwer als NRW aber definitiv Nicht-Ruhrgebiet zu lesen sind (versehentlich auch hier Männerverein). Jörg Zboralski, aus der Richter-Klasse, oder Nichtklasse, Teil der Generation, die an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf als erste – nach der kurzen Postpunk-Blüte – aus dem langen Beuys-Schatten heraustreten konnten und für A!u!f!r!e!g!u!n!g! sorgten; dabei machten sie vieles ähnlich, aber alles ganz anders. Der Crossover in andere gesellschaftliche Bereiche und Kulturen, der Asta politisch, Diedrich Diederichsen, Günther Jacob oder Roberto Orth tragen vor, Konzerte und die besten Parties Düsseldorfs, Kunsthalle besetzen, Offräume gründen, Autorenschaften in Frage stellen, vor allem die eigenen.

Jörg sah seine Aufgabe immer auch darin, fürs Ruhrgebiet zu sorgen. In Duisburg machte er das Mono, den besten Club im Extended Düsseldorf (bevor dort das EGO eröffnete), wohin er Kreidler in unseren Anfangsjahren regelmässig einlud, ebenso wie auf den Dellplatz, wo wir gemeinsam auftraten, wie im Ringlokschuppen in Mülheim, im Hundertmeister oder im Europakino in Essen, wo 1995 Kreidler und Blumfeld das Vorprogramm zur Die Hard with a Vengeance Sneak Preview bestritten oder das Nachprogramm, ich weiss die Reihenfolge nicht mehr. Irgendwann verschob sich sein Bildender-Künstler-sein; nicht etwa hin zur kuratorischen Arbeit, die Galerie Mini betrieb er schon länger – und das war ja Teil seines künstlerischen Konzepts –, auch nicht hin zur Musik, die hatte er immer gemacht, so mit Kalte Bauern und natürlich legte er Platten auf oder hatte das tolle Brücke Kaufen Album kompiliert – die Coverversion des legendären Rough Trade Samplers Wanna Buy A Bridge? – und als Nachfolgeprojekt Monarchie und Alltag – richtig: eine Coverversion des legendären Fehlfarben Albums –, wofür wir mit der Schauspielerin Julia Friedrich eine Version von Angst eingespielt hatten (das Album ist aufgrund irgendwelcher rechtlicher Gründe leider bis heute nicht erschienen); jedenfalls, wenn die Ausstellungen weniger wurden, dann lag das schlichtweg daran, dass er begonnen hatte, sich auf Theaterarbeit zu konzentrieren, das heisst: er und seine Lebensgefährtin Mirja Biel führten Regie, entwarfen die Bühnenbilder und manchmal auch die Kostüme. Und schicke Stücke inszenierten sie: Adaptionen von Filmen von Fassbinder oder Fellini, Texte von Fitzgerald, Büchner oder Jelinek. Quer durch Deutschland.

Natürlich blieb Musik dennoch immer ein Thema, er war Berater und Organisator, und Jörg blieb über die Jahre auch uns ein treuer Freund und begleitender Beobachter. Und so spielten wir auf seine Einladung hin 2011 auf dem Traumzeit-Festival im Pumpwerk in Duisburg und bei Theaterformen im Schauspiel Hannover.

Es endet brutal traurig. Vor einer Woche ist Jörg Zboralski gestorben.

Bucharestmärz

»We go out. I am they. They are I. We are we.«
 (Robert Silverberg, Tower Of Glass, chapter Seventeen)

Nach zweimaliger Schiebung endlich angekommen. Control, ehemals Casino Berlin, hinter der Bar prominent blauweiß mit Dresden bekachelt. Vis-à-vis die mondäne Soldatendisco, wir ließen uns beinahe erwischen beim Entwenden der NATO Flagge. Im Control dagegen die schönsten seltsamsten Frauen, vampirgeschminkt ohne Gothic, aufgetürmte Haarberge oder burschikos kurzgeschnitten, Profile und Nasen, die die Welt bedeuten.

Wir spielen Alphabet das erste Mal und dreizehn weitere Stücke in knapp einhundertundelf Minuten. Bisschen übertrieben, mahnte Detlef noch im Vorfeld, als der Veranstalter um eineinhalb Stunden Programm bat. Auf der Bühne im Control Club in Bukarest aber fühlten wir, alles ist genau so richtig.

Eltern Hefte Für Ihre Kinder / Munichmarch

»In popular arts the question of tradition is very interesting because most popular work is about 94 percent tradition and about 6 percent innovation.«

(Brian Eno, An interview with, From Brussels with Love, 1980)

Mnchn, wie der Sachse sagt, Minga, wie der M’n'chner sagt, Matthias drückt mir die AZ in die Hand, »letzte Ausgabe«, sagt er. Kommt mir bekannt vor, denke ich. Der schönste Grund, eine Zug- oder Flugreise anzutreten, war mir doch immer der Erwerb der de:bug, und man verlässt ja eigentlich jeden Monat mal die Stadt. Sie war mir all die Jahre eine treue Begleiterin geworden, was nun auch vorbei sein soll.

Seltsam, wenn man gerade für die frieze d/e geschrieben hat, ein Konvolut von Katalogstärke, wo mir nun-Senior-Editor Dan Fox schon vor einigen Jahren erzählte, vom Mutterblatt sprechend, dass sie die Seitenzahl stetig erhöhen müssten, weil sie so viele Anzeigen bekommen würden. The everwhere bubble and the art world.

Bei der de:bug würde es ja Sinn machen, dass das Online Magazin weitergeführt werden wird, wenn finanzierbar. Das Verschwinden der AZ allerdings, würde eine ganz andere Schneise in die Gesellschaft schlagen, dass nämlich der Axel-Springer-Rechtsrock den Boulevard auch in München komplett annektiert.

Der Raum war zu wenig für unser tolles Publikum, die Tür konnte nur streng wiederholen, »da geht nichts mehr«. Aber wir kommen ja wieder. Mit der de:bug auf dem iPad, und in der Hoffnung, dass Matthias dann sagt »Kreidler auf der Kulturseite« und mir die AZ in die Hand drückt.

A taste of Gozo

»Hey Trotsky, you’re in advertising!«
(John “Roger Sterling” Slattery to Elisabeth “Peggy Olsen” Moss, Mad Men 5.4)

Just before nine on a sunny thursday moaning I took my tea out onto the terrace of Heinz Emigholz’ fifth floor apartment, overlooking Spinoza’s bay. This is what I saw:

In der Körpermitte amputierte Hunde, die außen an Hauswände geschoben werden.

Lazarus Altar (der maltesische Name eines Mopeds).

Styler-Trend: Himmelhellblaue Plastikeimer. Ausverkauft.

Die schwere Standuhr, huckepack auf Omar Sharifs goldenem Kamel.

Pudel ägyptischer Herkunft in pinkem Marmor. Die von den Ladeflächen brüchiger Toyota–Pickups herunter die auf den graugelben Feldern arbeitende Landbevölkerung überwachen.

Ich wende mich ab. Nicht alles ist ein großer Spaß.

Spex Editor. He asked for Ten, I gave him Eleven, he published Five

Album 2013

1 Rashad Becker: Traditional Music Of Notional Species Vol. I
2 Ghédalia Tazartès & Gol: Alpes
3 Jefre Cantu-Ledesma: Requiem
4 Miles: Faint Hearted
5 Die Goldenen Zitronen: Who’s bad
6 Tyler The Creator: Wolf
7 Denseland: Like Likes Like
8a Klaus Dinger & Japandorf
8b Yoko Ono Plastic Ono Band: Take me to the Land of Hell
8c Sølyst: Lead
8d Justus Köhncke & Wonderful Frequency Band

Londonoctober

Beim Italiener

»Irgendwo geht die Sonne auf
Irgendwo hält sie Mittagslauf
Irgendwo sagt sie gute Nacht
Irgendwo ist der Tag vollbracht.«

Wir sitzen mit Quentin Crisp in der Hauptstadt in einem Pub, in einem dieser Plastikcontainer, die mit Giesholz und Fayence Attrappen entlang gefälschter Wikipedia Einträge eine höchstens in Bruchstücken jemals existente britische Kultur[geschichte] (kulinarisch, heldenhaft, gebildet) herbeizaubert, den dem gnadenlosen Untergang entgegentreibenden von imperialistischem Gendefekt und Amerikahörigkeit benebelten englischen Patienten seine Dementia versüßt.

Natürlich wollten wir englisch essen, was auch sonst. Fish and Chips, Cod, also Kabeljau oder so etwas, in neutral fader Panade. Die Kartoffelschnitze sind matschig, wie wir es lieben, zwei Löffel Erbsen kullern munter auf dem Teller herum.

Quentin ist begeistert. Wir schütten die halbe Flasche Malt Essig darüber, um eine Ahnung von Geschmack in das Essen zu bringen, eine Handvoll Salz und was an Pulverpfeffer da ist; ich erzähle ihm von letzter Woche, in Mediterranien, als wir mit Jeff Goldblum in seiner Paraderolle als Wissenschaftler Sethaniel Brundle in Cronenbergs The Fly bei Tante Sopho Melnikova sitzen, dem dem hauptstädtischen Literaturmuseum zugeordneten Restaurant, und gar nicht genug kriegen können von den Gerichten, deren Aromen unsere Sinne benebeln. Regionale, saisonale Zutaten, frisch zubereitet, ein Farbenmeer von Kräutern und Gewürzen, aber feinst abgestimmt, kein sich überlagernder Brei wie an der indischen Touristenbude Reeperbahn, Altstadt Düsseldorf oder Gruselfalafel Berlin Graefestrasse, sondern offene Schichtungen, die aufeinander reagieren, miteinander spielen, sich und uns Platz zum Atmen geben. Gerichte, die von der ganzen Jahrtausende Jajajahrealten Geschichte des Landes erzählen, die einem mitnehmen, weich werden lassen, zu Tränen rühren, glücklich machen. Quentin wendet sich angeekelt ab. Essen, faucht er, Essen soll einem in Ruhe lassen.

Uk ok

»Let’s go to Paradise Jack«
(Marc Almond, 1988)

Hinfahrt von Heathrow. Lacht Alex über den Steinewald viktorianischer Niedlichkeit, bestachelt kamerabewehrt, CCTV is watching you, eine Steampunk-Lächerlichkeit, in Position gebracht gegen Tauben, Drohnen, Rumänen. The blind leading the deaf, ein Alptraum? – weiss nicht. 1984 und 1985 und Brave New World und wie der ganze Käse hiess, geschreddert, nicht mal mehr yesterday’s papers. Kontrolliertgesellschaft Britannia, in der die einzigen Aufreger sind, dass Snowdon nicht als Zellennachbar von Assange in den USA im Knast vor sich hindämmert, und man mit dem Guardian, der sich müht, wieder Anschluss an seine Leser zu finden, über den Cricket Ausrutscher von Mark Armitage schmunzelt.

Aber egal. Schließlich, wo kommen wir denn her!?? Und, was tun. Wir lachen über die Pittoreske, die nicht mal mehr Feudalismus genannt werden kann, Putin, dagegen ein Waisenknabe, während unser Bähnchen gemütlich im Bahnhof Kensington einzuckelt. Let’s go to Paradise Jack.

Bochumochtober

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Düsseldorfoktober