Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Generalist Larvik

Generalist Larvik, seines Zeichens Kreidler Komplettist, lässt nicht locker: »Tried every possible way to get these items, but they’re nowhere to be found.

  • a) Kreidler feat. DJ Sport; three track promo-tape
  • b) Louisville Lips; unreleased
  • c) Riva tapes
  • d) Theo Altenberg (as Das Es) : Call Age Door«

Lieber Generalist Larvik, schreibe ich nach Norwegen. Zumindest bei Call Age Door mag ich Euch Entwarnung geben. Eine Nachricht an Ordinarius Altenberg, und das Album sollte das Eure sein.

Mit a) bis c) dagegen werdet Ihr mich in die Katakomben treiben. Und, was ich unterschlug, später wohl in die Papiermühle und die Bandkopierstation.

Noch bevor ich aufbrach, kam die Antwort: »I contacted Theo Altenberg, and he sent me a lovely package.«

Kein Anlass für eine Pause, atemlos fährt der Generalist fort und hält mich beschäftigt: »Looking thru your Commisioned Work (..) I was also wondering if more stuff made it to the cdr/promo stage. I have already entered the Kleines Musikbrevier and I Will… but what about the rest? There must be lots of unreleased stuff here? (surely either as files or cdrs of some sort). What about the Kreidler music for Durchfahrtsland? (..) «

Und hinter den Eichenfässern sucht Mauvais Vitrier nach gewichtigen Eisencassetten, goldenen Cdrs und Verpackungen aus Glanzpapier, um in der kargen nordischen Landschaft etwas Trost und Freude zu spenden.

Impressions d’Afrique

Loveletter - J / F 2010 - Numero 2/ 8. Februar 2010 13:19:46 MEZ

Also in late March the first remix 12inch of Mosaik 2014 will hit you with a percussive long 12“ edit of the track “Impressions d’Afrique”. The flip-side features a Unit 4 rework, made for a disco party where not only mirror balls turn crazy. [Italic]

Kreidler 12″/ 16. Februar 2010 12:13:31 MEZ

Firma an Grafikabteilung: Wir brauchen noch die Etiketten für die 12″! [Lieben Gruss, Firma]

Re: Kreidler 12″/ 17. Februar 2010 20:42:21 MEZ

Ping

Re: Kreidler 12″ II/ 17. Februar 2010 22:15:51 MEZ

Ping

Re: Kreidler 12″ II/ 18. Februar 2010 08:59:34 MEZ

Pong

Re: Kreidler 12″ IIIb/ 18. Februar 2010 10:25:44 MEZ

Ping

Re: Kreidler 12″ IIIc/18.02.2010 10:37:12 MEZ

Pong

Re: Kreidler 12″ IVa/ 18. Februar 2010 11:46:20 MEZ

Ping

Re: Kreidler 12″ IVb/ 18. Februar 2010 11:55:14 MEZ

Pong

Re: Kreidler 12″ V/ 18. Februar 2010 12:15:05 MEZ

Ping

[Telefonanruf von Firma]/ 18. Februar 2010 14:23:17 MEZ

Pong Pong

Ein Rätsel…I/ 18. Februar 2010 16:55:08 MEZ

Ping

Re: Ein Rätsel…I/ 18.02.2010 um 17:11 MEZ

Pong

Re: Ein Rätsel…IIa/ 18. Februar 2010 18:15:05 MEZ

Ping

Re: Ein Rätsel…IIa/ 18. Februar 2010 20:09:18 MEZ

Pong

Re: Ein Rätsel…IIb/ 18. Februar 2010 20:12:39 MEZ

Pong

Re: Ein Rätsel…IIab/ 18. Februar 2010 20:25:41 MEZ

Ping

Re: Ein Rätsel…III/ 19.02.2010 12:20:20 MEZ

Pong

Re: kEin Rätsel…/ 19. Februar 2010 12:35:47 MEZ

Ping

Re: kEin Rätsel…/ 19. Februar 2010 12:41:47 MEZ

Pong

FW: kompakt ITALIC089/ 19. Februar 2010 19:30:36 MEZ

Ping Ping

 [Von: TW An: Firma]/kompakt ITALIC089/ Fri, 19 Feb 2010 17:46:59 +0100

Pong

Re: FW: kompakt ITALIC089/ 20. Februar 2010 0:17:17 MEZ

Grafikabteilung an Firma: Roger, and Go! [Grafikabteilung.]

Morbovia (Teil 4 - Basic Body Repair & Paint Techniques)

What makes you happy?’, I asked. – ‘If I order coffee and am served tea.’

(Kreidler, Appearance and The Park)

Heroin und Joga setzen am gleichen Punkt an; am Basisschmerz, den jeder ständig in seinem Körper verspürt. Am Intensivsten wahrnehmbar, wenn man sein Augenmerk auf eine bestimmte Stelle richtet. Die Methodik der beiden Drogen ist aber völlig unterschiedlich. Wo Heroin die Schmerzen ausschaltet und so dem Denken erlaubt, sich gänzlich und linear auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, da zelebriert Joga den Schmerz.

Ein Problem des Heroin ist, dass mit seinem Gebrauch die Innenwahrnehmung nicht mehr mit der Aussenwahrnehmung kongruent läuft. Der in sich ruhende Junkie ist für den Beobachter ein krakeelend lallendes Etwas. Seine Haut ist teigig grau, von der Beschaffenheit eines gerupften Truthahns. Ein andere Schwierigkeit liegt darin, gutes Heroin zu bekommen. Das ist nämlich nicht zu bekommen. Stattdessen bezahlt der Junkie für einen verschnittenen Dreck, von dessen Inhaltsstoffen er nur ahnen kann. Und er bezahlt satt. Zum Hauptproblem des Konsumenten aber wird seine Abhängigkeit; warum auch nicht: schmerzfrei und fokussiert zu sein, ist ja nicht das Schlechteste. Wo aber eben das konzentrierte Denken noch zu wirklich tollen Ergebnissen kam, da regiert von nun an nur die eine Frage, nämlich, wie das Geld zu beschaffen sei für die nächste Ladung Rauschgift. Alle Kreativität ordnet sich fortan dem Ziel unter, den schnellsten Weg zur Suchtbefriedigung zu finden, das heißt Kinder, Alte und Schwächere, Partner und Freunde zu belügen, zu betrügen, auszuliefern und auszunehmen. Der Basisschmerz war natürlich nie wirklich verschwunden, er kann gar nicht verschwinden, das würde allen physikalischen Erhaltungsgesetzen widersprechen, sondern wurde nur in eine andere Zeitebene gepresst, in eine kommende Zeit, wo die Droge fehlen und der Schmerz dann potenziert zuschlagen wird. Es gibt kein Entrinnen, hör mit Schmerzen, draussen ist feindlich, nun musst Du den Truthahn verspeisen, und der schmeckt kalt und bitter.

Lasst die Finger davon, Kinder. Es sei denn, Ihr seid Keith Richards. Denn gegen Keith Richards gibt es wenig Argumente.

Gegen Sting gibt es eigentlich nur Argumente. Dass er Joga übt, aber gehört nicht dazu. Als erstes, vergiss Menschenfeindlichkeiten wie Hinduismus, Buddhismus oder anderen Religionsquatsch. Joga ist das Bereitstellen – vor jeglicher Aktivität. Die Gelassenheit – während jeglicher Aktivität. Und die Regeneration – nach jeglicher Aktivität. Joga ist Aufwärmen, Übung und Entspannung. Joga schärft die Konzentration, schafft Haltung und lehrt das Atmen. Joga geht überall. Im Tourbus, unterm Tisch, aufm Schrank. Glücklich, wer auf so eine coole Lehrerin wie Hiltrud  L treffen darf, die Meisterin des Kölschen Pops – H Nieswandt, E v Lieshout, H Schmidt, A Zerlett, C Biermann, S Pitcher undsoweiter. Iyengar Joga kitzelt Nerven, weitet Kanäle und dehnt Sehnen. Man braucht keine speziellen Gerätschaften, kann aber allerlei Dinge zur Hilfe nehmen. Bank, Decke, Klotz und Stein. Iyengar Joga ist präzise. Und lässt Dich Deinen Körper deutlich spüren. Und Du gehst genau in den Schmerz hinein, und dann spaltest Du ihn und gehst zwischen ihm noch tiefer hinein, spaltest erneut undsoweiter. Hiltrud L sagt: undsoweiter. Sich nach durchzechter Nacht in die Gurte zu quälen, es gibt wenig Schöneres. For a start: wer es vermag über „Aum”, das dritte Auge und den Schmetterlingsschlag hinwegzuhören, der kann auch bei jeder anderen Jogaschule zugreifen, selbst bei neu designter coffee-table Ware wie Powerjoga, Jogilates oder Hotjoga. Etwas Besseres als Rhythm’n'Blues findest Du allemal.

Morbovia (Teil 3 - Schneefall)

Schneefall. Detlef strauchelt. Auf seinem Fahrrad. Glatte Sohle. Er versucht sich aufzufangen. Prellung. Die Haut über den Knöcheln seiner linken Hand ist aufgerissen. Verbindungen. Täglich wechselt er die Pflaster. „Ich sehe aus wie ein Obdachloser”, sagt er.
Wenn schon.

Sieht aus
er
wie ein Boxer.

Morbovia (Teil 2)

Schwellungen. Auf den Gehwegen; Berg an Tal an Berg an Tal; in den Niederungen Split, der zerreisst das Hosenbein beim Sturz von der Höhe. Die Notaufnahmen haben das Zählen aufgegeben. Wenigstens fällt wieder Schnee. Und bedeckt das Elend. Fallen, Risse, Schwellungen – lange-weilige Verletzungen, Andreas heute:

Ein Brummen, weit darüber ein Zischen mit leichtem Pfeifton. Tinnitus-Syndrom. Mögliche Ursachenverkettung: als Kleinkind schon geschlagen mit Mittelohrentzündungen; mit 16 nach einem Tauchgang erhöhte Ohrenschmerzen; die werden von Methusalem Lauck – damals seit geschätzten 5 Generationen Hausarzt meiner Familie mütterlicherseits – mit Ohrentropfen alter Schule behandelt; erhöhte erhöhte Ohrschmerzen; der konsultierte Facharzt diagnostiziert Ohrentzündung – Otitis Media und Myringitis – und Trommelfellruptur; Antibiotika galore; das Trommelfell sollte nie ganz zuwachsen, eine jährliche Mittelohrentzündung gehörte nun dazu, harmlos; irgendwann kam das Rauschen dazu; und vor etwa 12 Jahren wollte die Entzündung nicht mehr abklingen; mein Gleichgewichtssinn wurde wirr; zu viele Stimmen in einem Raum, und ich klappte zusammen; zweimal im Sixpack; meine Ärztin rief Knochenfraß, Hirnhautentzündung und Exitus auf – oder Operation; Tympanoplastik, Aural Sculpture, okay, seitdem höre ich links schlechter und der Tinnitus wirkt lauter. Weg zwei: das Rauschen kam natürlich durch laute Musik; Knalltrauma, vielleicht ein Hörsturz; natürlich bin ich erst nach zehn Monaten zum Arzt, kann man ja eh nichts machen; es rauscht und brummt und pfeift und manchmal ist es lauter und manchmal ist mono cooler als stereo, und wenn man sein Syndrom wie sich selbst liebt, dann lebt es sich relativ entspannt.

Nummer zwei war die Koinzidenz meines ersten Mobiltelefons mit der runden Applemaus; in Tagen und Nächten vor dem Bildschirm in der fremdgewordenen Stadt quälte ich mein rechtes Handgelenk; mit dem Ergebnis eines Ganglions, eines Sehnenscheidenhygroms. Homöopathie und Naturheilkunde versagten völlig (TCM kannte ich noch nicht); meine Orthopädin warnte vor Cortisol (lasse extrem zeitverzögert Sehnen zerbröseln) und riet von einer Operation ab (Rezidiv). Wegdrücken, massieren, nichts half. Die 2000er Mnemorex-Tour spielte ich bandagiert und meist nur einhändig; ein Dreivierteljahr lang ging ich danach allmorgendlich zur TENS-Therapie, entsorgte die Computermaus und lies die Finger vom short message service.

Diesen Abend sollten wir im Dynamo spielen, an der Limmat, in Zürich. Über irgendetwas geriet ich in Streit mit Detlef („Ich bin Tierkreiszeichen Stier. Und ein Stier bietet viel Angriffsfläche.”); abends, noch vor Zuschauereinlass. Ich schrie ihn an, backstage wurde mir eng, wollte raus auf die Bühne. Der Durchgang war niedrig – nicht, dass der Veranstalter uns nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, aber in Eile knallte ich mit meinem Kopf böse gegen den Türrahmen. Scheisse. Und zurück. Zum Kühlschrank. Ich griff ins Gefrierfach und legte mir einen Eisbeutel auf die wachsende Schwellung. Keinen Eisbeutel, einen Tiefkühlkarton; leider weichte er auf, und Vanille-Eis lief mir über die Haare ins Gesicht. Das war’s dann natürlich; das Konzert wurde wunderbar, Detlef und ich führten zwischen den Stücken dialogisch durch den Abend, Thomas Brinkmann, als Privatier zufällig in Zürich, empfahl uns daraufhin, immer zwei Gesangsmikrofone auf der Bühne zu haben; die rheinischen Schorsch und Rocko sind wir dann aber doch nicht geworden; zumindest nicht öfter als einmal im Jahr.

Warszawaluty (tak jakby to była)

„Was hielten jene, die in der zehnten Dimension lebten, also jene, die zehn Dimensionen wahrnahmen, zum Beispiel von Musik? Was war ihnen Beethoven? Was Mozart? Was Bach? Wohl doch nur Lärm, antwortete der junge Reiter sich selbst, ein Lärm wie welke Blätter, ein Lärm wie verbrannte Bücher.”
(Roberto Bolaño, 2666)

Warschau. Ich war da und habe gesehen. Nichts. Nichts gesehen. Ein Stadtbild wie ein München Im Zentrum von Europa. Es ist ja nicht schwierig, sich zu schämen, deutsch zu sprechen, ein Deutscher zu sein; aber so wie in Warschau hatte ich mich noch nie geschämt, ich fühlte mich durch und durch schuldig. Einer aus diesem kleinen Kuhdorf namens Deutschland (1).
Spreche gerade mal Danke, Bitte, Guten Tag und Guten Abend auf polnisch; klingt ja wie russisch, aber wenig Grund, hier russisch zu sprechen (2), Küchenrussisch. Auf der Fahrt zum Hotel erzählt der Taxifahrer (auf englisch), Stalin habe den Polen den Pavac Kultury i Nauki geschenkt, Polen habe wählen können zwischen einer U-Bahn und der achten der Sieben Schwestern. Was hättest Du gewählt? Später übernimmt A. das Fahren. Die Hauptfensterfront der Foksal Galerie ist genau auf den Kulturpalast ausgerichtet.

„You have to play here”, sagt Paulina, die neben mir sitzt, im jüdischen Restaurant. I know. Möglichkeiten gab es, beispielsweise 2000, eine schwebende Einladung von Tomasz zu einem Avantgarde-Festival in Szczecin – es war dann aber eher für die Berliner Fraktion, alleine der Fahrtkosten wegen; oder eben in Paulina und Lucys Bar Nova Popularna in Warszawa – doch auch das als Band zu kompliziert, und man konnte ja eine Cassette schicken; jetzt spielt Krzysztof „Mosaik 2014” im Radio Aktywne. Möglichkeiten wird es geben. I know, ich will, I want. Mit Willy Brandt-T-Shirts vielleicht.

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(1) Nicht, dass es zu irgendwelchen Konfrontationen gekommen war, im Gegenteil, ich traf nur nette und freundliche Menschen, die eben ganz genau mitteleuropäisch aussehen, also ein bunt gemischter Haufen, wie man selbst und nicht irgendwie leicht identifizierbar wie beispielsweise der Mediteranier, der Finne oder die Spanierin, Länder, in denen es noch so was wie eine Handvoll von Prototypen zu geben scheint und Variationen davon.
Warschau. Eine Stadt, die so tut, als wäre nichts geschehen. Nicht, dass sie die Wahl gehabt hätte. Hochgezogen, Klassizismus im Sinn, Kaschieren im Cache, accent aigu. Und damit nicht nur durchgekommen, sondern auch noch Weltkulturerbe geworden. Der große Unterschied zu München, der bruttoregistertonnenschwere Unterschied zu München aber: auch wenn letztere nach dem Ersten Weltkrieg einen historischen Moment lang eine Räterepublik war, ist die Stadt doch von den Alliierten zerlegt worden, um die böse nationalsozialistische Brut, die bruttoregistertonnenböse Brut zu vernichten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in der Hauptstadt der Bewegung erstmal ordentlich gekehrt. Und zwar vor allem unter den Teppich. Ein zügiger Wiederaufbau. Und es sah schöner aus als zuvor. Gerade noch mal gut gegangen. Stadt des Lächelns. War was? Eigentlich nicht. Da passte auch eine Verkehrsinsel namens „Platz der Opfer des Nationalsozialismus” noch dazwischen, Hauptsache alle Ampeln stehen auf grün. Die Fassaden atmen bis heute das Böse.
Warszawa dagegen war genau von dieser Brut vernichtet worden. Und nicht etwa aus irgendwelchen kriegsstrategischen Gründen in einem Bombenangriff.
Nachdem die Nationalsozialisten 1939 Polen überfallen, dann Warschau besetzt und 1940 im Stadtteil Wola einen so genannten jüdischen Wohnbezirk eingerichtet hatten, ein Menschenpferch, ein ummauertes Zwischenlager, eine Sammelstelle für eine halbe Million Menschen vor der Deportation ins Vernichtungslager Treblinka, nachdem die Nationalsozialisten, im Speziellen die SS, im Sommer 1942 begannen, das Ghetto im Zuge der Endlösung zügig aufzulösen (– spätestens hier könnte man fragen, wie denn die rund 1 Million nichtjüdischen Warschauer dem zuschauen konnten, aber ich vermute, mit diesem Thema haben sich polnische Historiker auseinandergesetzt –) und im Frühjahr 1943 ein paar zehntausend verbliebene Juden den Aufstand wagten, brannte die SS das Viertel nieder, bis auf die Grundmauern, Gefangene wurden nicht gemacht, nur eine Handvoll Juden konnte durch die Kanalisation fliehen; als es im August 1944 schliesslich zu einem Volksaufstand kam, und die Armia Krajowa die Nationalsozialisten angriffen, erging Himmlers Befehl, alle nichtdeutschen Menschen in Warschau zu töten, egal welch Geschlechts, welchen Alters, welch politscher Gesinnung, und die Stadt in Schutt und Asche zu legen, in Schutt und Asche. Die SS nahm sich also Zivilist für Zivilist vor und sprengte Haus um Haus. Die aus Schutt und Knochen wieder errichteten Fassaden atmen bis heute das Leid. Und, Danke, Willy Brandt.

Warsaw, Kriegssäge. Kriegsgesänge.

(2) Und die Russen? Die Russen, A. fährt uns auf die andere Seite des Flusses, nachts immer noch ein unsicheres Gebiet, sagt er. Großgewachsene Bürgerhäuser, an denen der Lack ab ist, die über die Jahrzehnte an Glanz eingebüßt haben, aber aufpoliert, weiss man, wieder in alter Pracht erstrahlen könnten. Es sieht aus wie am Prenzlauer Berg zu Hauptstadt der DDR-Zeiten oder kurz danach. Berlin, ja, sagt A., dafür fehle Polen und Warschau aber die wirtschaftliche Dynamik. Dafür hätten sie die Finanzkrise aber auch relativ unbeschadet überstanden. So wie diese Häuser den Krieg? Auf dieser Seite der Wiswa hätte sich die Rote Armee verschanzt. Und abgewartet, was nach dem großen Abschlachten übrig bleiben würde. Soviel zum kommenden Klassenfreund. Unter anderem. Die Russen hielten die Curzon-Linie, Stalin tobte, weil die polnische Exilregierung sich nicht dem Lubliner Komitee unterwerfen wollte, Molotov kündigte die diplomatischen Beziehungen, nachdem in Katyn die verschwundenen 15.000 polnischen Kriegsgefangenen ausgegraben worden waren – von Russen mit Kopfschuss getötet, und hatte der KGB nicht den polnischen Premierminister Sikorski auf dem Gewissen? Weil Stalin nun schon mal am Toben war, und ein britischer Diplomat in Moskau es sowieso schon laut angedacht hatte, wurde nach WK II das Land Polen kurzerhand gen Westen verschoben. Спокойной ночи. Wenig Grund also, russisch zu sprechen. Dobranoc.

Dazzledorffebruar

Die Landeshauptstadt hat gerufen. Mal wieder. Man muss das ja mal etwas objektivieren. Aus der Postkölnischen Perspektive. Wer wo und wie vorne liegt.

Zweierlei Springböcke.

CDU- und Sportelend hier wie da. Aber zu was für einem brutalen Selbstbedienungsladen Köln verkommen ist, da hätten selbst ein Helmut Kohl oder ein Roland Koch noch etwas lernen können; wenn es so etwas wie Gerechtigkeit geben würde, sässe die politische = karnevalistische = wirtschaftliche Riege  – von rechts bis so genannt links – längst hinter Gittern. Und da sprechen wir noch nicht mal vom Kulturbereich, und dem Stellenwert der ihm von Stadtseite beigemessen wird; wo es mittlerweile schon schwer fällt, überhaupt noch vom absteigenden Ast zu sprechen. Ganz unten uns. Man erwartet ja nicht direkt Unterstützung, aber doch zumindest ein Zulassen und kein mutwilliges Zerstören von Orten und Möglichkeiten.

Und wie die Jugend sich bereits vor Jahrzehnten angepasst hatte und an Unorten feiert. So wurde das Ego zum besten Club Kölns, der eben genau nicht in Köln lag. Rezession seit den Spexparties, seit Rave, Whirlpool, Gerald Hündgens Soulful Shack, Cosmic Orgasm, to name a few. Denn plötzlich. Was war passiert. War was passiert. Was dann blieb, das Sixpack, das Liquid Sky, die totale Konfusion. Und Stil hatte sowieso nie dazugehört. Ob das Kind jetzt Niedecken oder Kompakt heisst. Erstaunlich, aber darüber hat sich die Kölner Szene nie definiert. Ein schlapprig studentischer Look (vielleicht nicht umbedingt Habitus), der Mode scheinbar suspekt fand und findet (vielleicht auch nur anstrengend).

Über alle Ländergrenzen strahlte das Liquid Sky und dann die Enttäuschung der Besucher aus London, die einen teutonisch futuristischen Synthesizerpark erwarteten, und mit einer gemütlichen Hippiebude Vorlieb nehmen mussten, oder die ehemalige Techno-Avantgarde von Kompakt, die im Schmuckkästchen feierte, einem Laden mit dem Charme von Papis Partykeller. Etwas besseres als den Tod finden wir überall. „Nein”, widerspricht die Firma; der Unterschied zu Düsseldorf sei, in Köln gebe es eine Community, man halte zusammen. Die nette Form von Klüngel; man ist ja kein Barbar, man ist ja ein Kind der Römer: Demokratie naja, aber zumindest Bewusstsein wurde ihm eingebleut.

In Düsseldorf staksen Teenager ungelenk in monströsen Rick Owens Schuhen. Nennt es lächerlich, aber das guckt man gerne, da zuckt die Hand zum Kajalstift. Oder Lucas Croon, in der neuesten Post-NuRave Kollektion seiner Freundin, das unterstreicht die immense Aufregung, die er aus Synthesizergerümpel erzeugt. Um die Ecke der Salon des Amateurs, mit der Mischung aus wilder Musik, wildem Film und Alkohol plus einem Schuß Sartorealismus, Schickness und Kunstakademie. Wobei, Ehre, wem Ehre gebührt, Dirk Meckys Coco Schmitz, mit harter Hand von Andrea Nieswandt  programmiert, löckt wider.

Moment, wo sollte das eigentlich hin? Hundertelf Worte:

Das NRW Forum befindet sich auf dem ehemaligen Düsseldorfer Messegelände,  ein Kreis-Bau mit rotbrauner Ziegelfassade für die Gesolei in den 1920er Jahren errichtet. Backstage finden wir Leigh Bowery-Postkarten und ein Ensemble aus Einmachgläsern mit Quittenmarmelade. Mapplethorpe ist zugesperrt, die Bühne sind zwei Tränen, von oben schauen uns dicken Puppen in Viktor & Rolf Kostümchen streng an. Wenn das der QVC-Shop wüsste. Hinter uns eine Projektion des iBookstores. Zwanzig Minuten gehören dem Bürgermeister. Man sagt, Rolf sehe wie mein Bruder aus (Ihr kennt meinen Bruder nicht!); die Tischchen werden beiseite gerückt, die Türen werden aufgedrückt, die Massen stürmen den Raum und die folgende Stunde gehört Euch. Euch Kölnern und Düsseldörfern. Alles gut.

Morbovia (Teil 1)

Winterzeit – Zeit der Reflexion, Zeit der Krankheit. Die schönsten Verletzungen der Bandgeschichte.

Thomas braucht Kraft in den Fingern, um die Stöcke wirbeln zu lassen. Thomas ist der sportlichste Kreidler. Von Thomas lernen, heißt, auf Tour die Badehose dabeizuhaben. Hauptberuflich aber klettert er, an Seilen, in Hallen, an Kunststofffelsen – die Drohung, dass das mal in die Natur gehen könnte, ohne Sicherung, im Gegenwind, am Watzmann, schwebt jedoch ständig im Raum. Auch jetzt schon bietet das Klettern Raum für Zerrungen und Wehwechen. Und die Synapsen in seinem Kopf sind ganz neue Verknüpfungen eingegangen: was ihm der Bigbeat war, ist nun Bigwall, Top-Rope hat die Top Ten ersetzt, Bouldern liegt am Niederrhein neben Haldern, und, statt vom iPad zu träumen, sinniert er über Crashpads nach. Früher aber war alles noch arger. Er fuhr das Motorrad (was ihm dann in seinem Künstlervertrag verboten wurde) und sprang das Trampolin.

Wir schreiben das Jahr 1994 und proben für die Aufnahmen zu einer Ep, die das Kölner Label Finlayson veröffentlichen werden wird. Die Aufzeichnung ist in Matthias Arfmanns Studio in Hamburg geplant, Knochenhaus nannte er es sinnigerweise. Am Vorabend springt Thomas das Trampolin und strauchelt. Er fällt auf den Rücken und verletzt sich am Duralsäckchen. Rückenmarksflüssigkeit fließt ab. Was dann geschieht ist Schulphysik fünfte Klasse: der Unterdruck lässt sein Gehirn anschwellen, ihm schwindelt vor Kopfschmerzen. Thomas kann sich eigentlich nur noch in liegender Haltung vorwärts bewegen. Kein Thema aber, er will Hamburg nicht ausfallen lassen.

Wir stellen den Beifahrersitz in die flachstmögliche Position, die Pausen auf den Bänken der Raststätten werden mit jedem gefahrenen Kilometer länger, und im Studio ist first take King! Thomas Schädel erlaubt keine Spielfehler, sein Körper ruht zwischen den Stücken unter dem Tisch auf dem Teppich.

In den darauf folgenden Tagen halfen Africola-Infusionen, den Pegel in seinem Rückenmark zu stabilisieren. Und bald war er wieder ganz der alte.

Hibernatus

Klaus Dinger pflegte die Wintermonate zu ruhen. Die künstlerische Produktion begann wieder im Frühjahr. Es gab für ihn magische Momente, wie Mayday, die Nacht zum ersten Mai – im Winter aber nicht. Natürlich griff er mal zur Gitarre, natürlich hörte er Musik. Aber die kalte Jahreszeit gehörte ansonsten der Administration.

Die Steuern erklären, Abrechnungen nachhalten, Tagebucheintragungen vervollständigen. Was über das Jahr liegengeblieben war.

Von den Winterschläfern lernen, die Flora beobachten: im Winter sterben die Leute den Eistod. Kälte, die im Sommer inspirieren kann, bewirkt nun nur Schneestarre. Knochenbrüche, Zauberberg, Nadelwald. Der Blick wird zwar geschärft, aber der Bart wächst: Snowblind. Verwirrung allenthalben.

Mosaik 2014, Januar 2010 (Teil 2)

Ich sitze im Spreepark–Studio. Auch der modifizierte Dual verlangt wohl bald nach einem neuen System. Ich werde Mosaik 2014 über meine Event–Nahfeldmonitore abhören. Detlef am Telefon, sein Stanton ist gerade so un–eingemessen, dass er das erste Stück auf einer Schallplattenseite immer überrutscht. Hat Mosaik jetzt zu viel Bass, oder hüpft die Nadel vor Freude? Was hat Thomas eigentlich zuhause stehen? Das erinnert mich daran, wie Oliver Tepel vor Jahren mir gegenüber bemerkte, welch schlechte HFi–Anlagen deutsche Musiker im Vergleich zu britischen hätten. Ich hatte nie nachgefragt, von welchen Musikern er sprach – Supergrass oder Jimmy Page, Brian Eno oder Mike Silver? – und woher er das überhaupt wüsste.

Die Technics und die P.A. im Salon des Amateurs jedenfalls sind auch nicht die Referenz. Aber vielleicht doch. Vielleicht doch alles.

Event sind hierzulande nicht wirklich populär, wo einem alle nur von ihren Adams oder Genelecs vorträumen. Hans Nieswandt und Adam Butler sind die einzigen Musiker, die mir jetzt einfallen, die auch Event-Monitore nutzen. Die Mosaik 2014 – Sessions liefen über die Events. Meine Boxen sind nicht mehr erhältlich, wie überhaupt alle laufenden Reihen eingestellt wurden: der australische Mikrofonproduzent Røde, der das amerikanische Unternehmen vor 3 Jahren übernahm, hatte alle Kräfte auf die Entwicklung des weltbesten Zweiwegemonitors konzentriert, der hierzulande wahrscheinlich nicht wirklich populär werden wird.

Ein Fischadler lässt sich gemächlich auf einer kleinen Eisscholle vorbeitreiben und quittiert das Einsetzen des Basses mit einem abfälligen Blick. Ein Schneerutsch vom Dach vertreibt schnatternd die drei Enten unter meinem Fenster. Keine Schifffahrt heute. Tauwetter. Klingt gut.

Und wenn ich schon dabei bin: die Events stehen auf meinen alten HiFi-Boxen, siehe Eintrag Vom Hören (Teil 2): 1999 hatten wir den Remix von Pia Lunds Uh Uh Yeah auf ihnen produziert. Mit einem Haufen seltsamer und zügiger wieder verkaufter elektronischer Geräte – halbgelungene Versuche namhafter japanischer Instrumentehersteller in den späten Neunzigern mit dem Zeitgeist mitzuhalten – und dem Akai S1000 für Stimm-Samples. Ordentlich Bass durch das Mackie-Pult und weg war ein Tieftöner. Ich hatte versucht, ihn auswechseln zu lassen. Leider war aber bei dem Lautsprecher die Herstellerkennung weggekratzt worden. Ich hätte mich dumm suchen können, vier Tieftöner auswechseln – was natürlich wenig Sinn macht – oder es sein lassen. Oder es sein lassen. Die Boxen hatte ich mit 17 bei einem in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, angesagten Lautsprecherbastler gekauft. Er arbeitete tagsüber in der Chemischen Industrie, nach Feierabend wurde sein Wohnzimmer zum Ladenlokal. Wahrscheinlich verkauft er heute Zune MP3-Player. Im Laufe der Jahre wurden die Kisten ein bisschen lächerlich. Hübsch anzusehen, nur leider mit etwas fragwürdiger Akustik: das Prinzip Bose. Damals hatten all meine Freunde Lautsprecherboxen von ihm. A must have. In seiner Nachbarschaft wohnte unsere New Wave-Friseurin – sie schnitt und färbte uns abends zuhause oder auch schon mal in der Tiefgarage unter dem Rathaus die Haare;  sie war  in einem offiziellen Salon angestellt; im Unterschied zum Boxenbastler hatte sie ihr Handwerk gelernt.

Mein Lautsprecher-Traumpaar verkaufte er mir mit dem brandaktuellen Grace Jones Hit Party Girl, die Bässe führte er mit Film 2 von Grauzone vor. Ich war restlos begeistert. Zuhause musste ich allerdings immer mal wieder mich wie auch meine Freunde überzeugen, dass der Mittenbereich bei Musik eher von tertiärer Bedeutung sei, dort zeigten die Boxen nämlich offensichtliche Schwächen. Party Girl und Film 2 aber klangen auf ihnen all die Jahre perfekt.