Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Jonathan (unhöflich)

»Maul auf

Lolly rein

-> Revolution

raus…«

(Jonathan Meese, HOT Pegasysys:)

Jonathan Meese, bitte übernehmen Sie. In Salzburg. Meeses Egoprogramm mag einem auch schon mal an den Nerven zerren. Aber solange dabei Wahrheit herauskommt, fällt es schwer, Argumente dagegen zu finden. Schön wie er hier im Duett Wolfgang Rihm versenkt. Aber bei ihm kommt eben keiner mit. Passt schon, wie man hier sagt. Aber Herrenabend, lieber Österreicher, gibts mit Meese nicht. »Kunst ist eine Befehlszentrale, keine Bittstelle« schreibt er über das Bild. Und im Gespräch sagt er; »Jeder Mythos soll weg!« Und baut ein Kartenhaus aus Heldenfiguren, aus Königen, Damen und Jokern. Und pustet es um. So einfach. Und, ein Gedicht:

In der Kunst

gibt es keine Unterwürfigkeiten:

Alle Gottheiten

sind von der Kunst erschaffen

worden und kommen liebevollst zu der Kunst

miteinander spielen,

Kunst ist keine Religion,

aber jede Religion

ist Kunst:

EIEIEI

Und Nietzsche knallt er dem Bildungsbürger links und rechts um die Ohren. Und mit einem Schluck aus einer überdimensionalen Sakeflasche wischt er diesen ganzen Mück, Bock, Wurm Dreck einfach weg. Und die Gelehrtenmeinung ist eh schon lange laufen gegangen. Bravo, Jonathan Meese!

Daniel (drei Fragezeichen)

»Früher galt es in Hamburg als schicklich dass derjenige, der viel Geld hat, es nicht zeigt. Inzwischen wird in Hamburg genau so angegeben wie in Düsseldorf.«

(Ole von Beust, CDU, Erster Bürgermeister von Hamburg)

Der Theatermonat klingt standesgemäss aus. Burgtheater. Salzburg. Hohensalzburg. Max Reinhardt Platz. Die Stätte geraten mir durcheinander. Dazu spielt ein Bühnenkulissengematsche von Daniel Richter. Ich denke, der alte Kommunarde wundert sich auch manchmal, wie das so geht. Und lacht sich in die geballte Faust. Und Alfred Sohn-Rethel kichert mit. Bargeld lacht sowieso. Mal schnell alles mitnehmen, bei Bolle einkaufen gehen, dem Kapitalismus ordentlich einen vorführen. Und unter tatsächlich jedem einzelnen Bild prangt fett immer der gleiche Name, der Name des Vaters. Zum Anklicken: und gleich online im Webshop den Warenkorb füllen. Kulissen, die nichts anderes sein wollen, als eben Kulissen. Man könnte sagen, ziemlich schlecht gemacht. Ziemlich schlecht gemalt. Könnte man. Aber vielleicht geht es genau darum. Und, wie jeder Salzburgbesucher feststellen darf: der Salzburger an sich ist sehr höflich. Und wenn der Vater sagt, das ist es aber jetzt, dann gibt es auch keinen Grund, daran zu zweifeln.

Übrigens, habe ich das schon erwähnt?: der Salzburger an sich ist sehr höflich. Nicht unbedingt nett. Aber immerhin höflich. Und im innerstädtischen Bereich auch kulturell interessiert. Irgendwie. Durchaus.

Jonathan Meese, bitte übernehmen Sie.

Hansaviertel (Komm’ ins Offene)

Der Hausmeister führt mich aufs Dach des Hochhauses, ausnahmsweise, hier komme eigentlich niemand hoch außer, der Blick schweift über das offene Berlin, in der Ferne hört man Martinshörner, auf der Wiese vor dem Reichstag schlendern als Staatenmanager verkleidete Bürger zwischen grillendem Volk, außer wenn, Pferde wiehern im Englischen Garten, das Abergrün der Bäume lässt meine Sehkraft um fünf Prozent nach oben schnellen, außer wenn der Präsident in Bellevue Gäste habe, dann wäre einer der beiden Aufzüge gesperrt, dann liege das Dach hier und des Nachbarhauses voll mit Scharfschützen, fünf Stunden lang den Präsidenten in Bellevue und seine Gäste im Visir. Mit offenem Helm im offenen Berlin.  

C.H. (18)

Beim Schulball als ich an der Kasse saß, als das schickste Mädchen meiner Stufe, deren Schönheit mir da zum ersten Mal wirklich auffiel, aus einer Parallelklasse, mit der ich nichts zu tun hatte, vor mich, den Postpunk, trat, fingen meine Hände an, zu zittern, und ich drückte den Stempel auf den Ärmel ihrer schicken Bluse. Und versank im Erdboden. »Nicht so schlimm«, rief sie mir hinterher.

Max (kocht)

Max kocht. Er hat definierende Jahre seiner Jugend in Italien verbracht, natürlich favorisiert er die Mediterrane Küche; frischer Fisch, Zitronen, Olivenöl, Peperoni, Knoblauch, Tomaten, Pasta von F.lli De Cecco Di Filippo Fara San Martino S.p.A. . Auf Salat verzichtet er gerne. Oder, wenn schon, dann großzügig gerissene Blätter mit einem Dressing aus Olivenöl, grobem Salz und frischgemahlenem Pfeffer.

Max ist viel unterwegs. In L. A. bestellt er Steak englisch zum Frühstück, in Paris Chateaubriand frites zu Mittag und in Rom Saltimbocca zu Abend. Und man wünscht sich, dass er endlich mal ein Restaurant eröffnen möge.

Heute serviert er Schwertfisch, einmal roh, mariniert im Saft sizilianischer Zitronen, dann zu Rosmarinkartoffeln: scharf angebraten und kurz in einem Sud aus Ingwer, Peperoni, Zwiebeln und Knoblauch gegart.

Max freut sich über das Ergebnis und sagt, das habe er noch nie gekocht. Ich wundere mich, hatte ich nicht aus seiner Hand etwas ähnliches im Themroc gegessen und neulich erst bei ihm zuhause serviert bekommen? Natürlich hat er recht, Ingwer war zwar auch dabei, und erstes war vielleicht Schwerfisch, letzteres aber Kabeljau. Angebraten hatte er aber nichts: Max ist kein Freund von Verfeinerung, Max variiert und optimiert seine Gerichte, die er einfach hält; und ein weiteres Geheimnis ist natürlich keines: beste Zutaten.

Darin sind wir uns einig. Auch im Mediterranen. Wo er aber immer gut vorbereitet ist, und dem einzelnen Nahrungsmittel Raum lässt, die rohe Zutat nur minimal überhöht, und reduziert kombiniert, so dass selbst, wenn er mal über das Ziel hinaus schiessen sollte, er alles immer noch retten kann – mit etwas Zitrone beispielsweise – , da koche ich oft drauf los, verwerfe nicht, bewahre auf, gehe noch einmal darüber und, wenn gar nichts mehr geht, wird daraus ein abenteuerliches Pfannengericht, ein flambierter Schupfnudelbratling oder eine mutschelmehlige Gnocchivariation in Gemüsebrühe, wo es viel geriebener Parmesan, Knoblauch und Kräuter richten müssen. Also das, was man nach wie vor und Kontinente überspannend in jedem Restaurant als vegetarisches Alternativgericht vorgesetzt bekommt.

Und wer denkt, dass ich hier vom Kochen rede, die Legionen von Tonbändern in den Kreidler-Katakomben werden ihm etwas anderes erzählen.

Maya (***-**)

Maya spielt Musik. Auf dem iPhone. Papa ruft zum Essen. Am liebsten isst sie Spaghetti mit Salz und Olivenöl. Einfach. Heute aber sagt sie, die Nudeln wären »Tun-te«. Detlef hat das falsche Olivenöl benutzt; Maya akzeptiert keine Experimente. »Tun-te«: Spaghetti mit Salz und Olivenöl tun nur so, als ob sie Spaghetti mit Salz und Olivenöl wären.

Das hat sie von ihrem Vater gelernt. Denn auch für Detlef ist es einfach. Musik, okay. Aber Cd ist eindeutig »Tun-te«, wenn man doch Schallplatte haben kann.

Dato (Spike)

»I’ve got a message for you:

Sunshine, sunshine reggae!«

(Laidback, Sunshine reggae)

Dato wäre Spike Künstler Nummer vier gewesen. Heute skypt er aus Mediterranien. Er zeigt neue Fotos. Sommer. Sonne. Beachparty. Harmony and Korine! Dato ist Mr. Salome Machaidze. Ehegatte der in Berlin lebenden Filmemacherin.

Mit einem Diplom in Hydro-Ökologie in der Tasche machte er 2005 seinen Abschluss als Fotojournalist. Während seiner Studienzeit hatte er hinter der Theke des Lift gejobbt, jenes Off-space, den Gio (Spike) mit gegründet hatte; das Lift präsentierte sich nach aussen zwar Kunstraum, fasste diesen Begriff aber relativ weit, und funktionierte defacto eher als Club, als illegaler Club, weil ohne Konzession. Natürlich wurde es innerhalb kürzester Zeit von der Staatsgewalt geschlossen. Dato hatte bis dahin die Partygäste portraitiert, fotografiert; sein nächstes Sujet waren Skater  – von denen es in Mediterranien ein knappes Dutzend gibt; dann Nacktbadende, melancholische Reservisten und so weiter: Kids. Freuden der Jugend.

Seine Bilder sind wie gefrorene Filme. Keine Stills, denn sie gehen weiter, sie erzählen Geschichten, es sind kleine Essays. Man weiss, dass es sich um den Schuss durch ein Objektiv handelt, aber bei vielen Fotografien hat man das Gefühl, dass Dato Meskhi eins geworden ist mit seinem Subjekt. Man spürt ein liebevolles Auge. Sein fotografischer Blick traf sofort einen Nerv, und so veröffentlichte er in den Cafétable-Magazinen aus Mediterranien, ანაბეჭდი oder ცხელი შოკოლადი, aber auch im Berliner Lodown, dem Pariser Tell Mum Everything Is OK oder im Outlook Magazine aus Shanghai. Parallel stellte er regelmässig in Kunsträumen aus; dass man dabei zwischen freien und angewandten Werken keine Grenze zu ziehen braucht, haben wir ja von Wolfgang Tillmans gelernt. In ein paar Wochen wird Micky Schubert seine Arbeiten in einer Einzelausstellung zeigen.

Knacks, Knister, Rauschen. Das Bild steht, eingefroren, Still. Skype hat sich aufgehängt.

Vasha (Spike)

Als ein anderer Abgeordneter einwarf, daß die Nationalversammlung doch nicht die Vernichtung der Statuen legalisieren könne, wurde ihm erwidert, es sei die Pflicht, Charakterstärke zu beweisen, und nicht vor der Zerstörung aller Denkmäler des Despotismus, des Vorurteils und Hochmuts zurückzuscheuen.

(Paul Wescher, Kunstraub unter Napoleon, Berlin 1976)

Kreuzberg. Im Regen. Dritter Hinterhof. Beatparty. Vashas Geburtstag. Die Gäste stehen an den Rändern, Gimme Shelter, Überdachungen, Hauseingänge. Verwegene Cocktails, kaputte Beats, lustige Zigaretten.

Vasha hatte ich vor etwa einem Jahr in Berlin als Elenes Freund kennengelernt. Elene kannte ich über ihre Eltern, aber auch vom Kreidler Auftritt in Mediterranien. Vasha Chachkhiani ist Kommunist, sagt er. Und er meint das auch so. Er hatte Mathematik studiert, hatte Informatik studiert, brach beides ab und ging an die Kunstakademie. In Mediterranien. Da war er gerade mal 18 Jahre alt. Die Akademie ist in einem herrschaftlichen Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert untergebracht. Der Unterricht ist dementsprechend. Antiquiert und autoritär. Vasha gründete damals mit 10 Freunden das Studio for Contemporary Art –  in der Akademie, gegen die Akademie. Mit einer Reihe von Ausstellungen quer durch Tbilisi erlangten sie solch eine Präsenz, dass dem Rektor nichts anderes übrig blieb, als sie vier Jahre lang gewähren zu lassen. Selbst nachdem sie Lehrkräften jeglichen Zutritt zu ihrem Institut verwehrt hatten.

Mit dem eigenen westlich arroganten Blick nennt man die Arbeiten, seine Arbeiten, die damals entstanden sind, naiv. Aber in Mediterranien herrschen nunmal andere Dringlichkeiten. Einmal zog er nachts über den zentral im Rektoriatsbereich hängenden Kronleuchter zweihundert Kondome. »You are all wankers.« Die konservativen Tutoren knüppelten Vasha zusammen. Mit Schädelbruch wurde er ins Hospital eingeliefert. Chachkhiani sagt, worum es ihm gehe, sei »to prompt conflict in the people’s mind in a relation to the established order given by the systems«. Seine Arbeiten sind volkstümlich, in dem Sinne, dass er versucht, mit einfachen Mitteln möglichst viele Menschen zu adressieren. Er legt seinen Finger in offene Wunden. In einem Video bekreuzigt sich eine Gruppe junger Menschen in einem Autobus (was in Mediterranien in den letzten Jahren beim Passieren eines orthodoxen Kirchenbaus zur hysterischen Mode geworden ist); dabei legen sie ein immer höheres Tempo zu, und enden in einer surrealen Raserei, bei der man an die Trauerzug-Episode in René Clairs Entr’acte von 1929 denken muss. Die Diplomarbeit (in Fine Arts) seiner Künstlergruppe LOTT war eine neunminütige Performance namens Wet Circle: im Kreis sitzend spucken die Studenten sich reihum ins Gesicht. Professor Georgi Kevle, der sie dabei betreute, wurde bald danach entlassen, ihr Studio geschlossen. Close-Up hiess eine andere Arbeit von Vasha, die während seines einjährigen Aufenthalt an der Gerrit Rietveld Academie entstand. Nahaufnahme, oder – aus dem Pidgin Englisch ins Deutsche – Schliess auf: Er installierte sie während der Rundgangspräsentation. Dabei vernagelte er den Zugang zum Ausstellungsraum mit Brettern. Muss man erwähnen, dass weder Mitstudenten, Professoren, noch die Administration das lustig fanden? Schliesslich geht es bei den Jahrespräsentationen der Kunstakademien seit bald einem Jahrzehnt nicht mehr um Kunst sondern nur noch um Ökonomie; kein Zeigen von Arbeitsprozessen oder Entwicklungen, sondern das Gieren nach dem schnellen Geld, nach dem Kunstmarkt, Kapitalismus verseucht klemmen die Studenten ihre Visitenkarten hinter die Bilder. So rissen sie auch Vashas Barrikade ein. Er nahm es gelassen, »the installation Close-Up became the performance Close-Up«. Und zeigte die Arbeit ein Jahr später, wo er den Eingang einer Galerie in Meditarranien verschloss. Vielmehr dann doch auch wieder nicht: Vasha Chachkhiani erkrankte zuvor. Windpocken fesselten ihn in sein Apartment.

Heute lebt er in Berlin, und Gregor Schneider hat ihn in seiner Klasse aufgenommen.

Anna (Spike)

Er befindet sich in einer beunruhigenden Situation, weil er über den Verlauf des weiten Horizonts im Zweifel gelassen wird und diesen nicht einmal über einen der vor ihm liegenden Pfade erreichen kann, da diese entweder blind im Felde enden oder aber aus dem Bild hinauslaufen.

(Meyer-Schapiro, Vincent van Gogh, Köln 1961)

Das zweite Portrait wäre Anna gewidmet gewesen.

Anna ist vielleicht die quirligste, aufgeweckteste, neugierigste Person, die ich kenne. Sie ist gerade mal 24 Jahre alt, studierte mit 16 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, nachdem sie zuvor innerhalb von Monaten Deutsch gelernt hatte, wechselte dann nach Düsseldorf bei Hubert Kiecol, den ihr Wissensdrang aber überforderte, dass er sie nach vier Semestern aus seiner Klasse schmiss; in Georg Herold fand sie einen neuen Professor und wenig später zusätzlich in Christopher Williams, bei denen sie diesen Sommer sie ihren Abschluss machen wird.

Anna K.E.s Familie ist exemplarisch für ein bürgerliches Mediterranien, was ich kennen- und lieben gelernt habe, das es heute meist nur noch am Rande der Armutsgrenze gibt, und im Erinnern. Ein Bürgertum, in dem die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur immer essentiellster Bestandteil des Alltags war, eine Idee des Kommunismus, die nichts mit dem sie umgebenden realexistierenden Sozialismus zu tun hatte. Eine Idee, wo Kinder in einem kreativen Umfeld aufwuchsen, in einem friedlichen Umfeld, unter Freunden aufwuchsen.

Annas Großmutter Lia war eine berühmte Filmschauspielerin, ihre Mutter Keti ist Malerin, ihr Vater Gia Künstler.

Anna ist Bildhauerin. In einem  quirligen, aufgeweckten, neugierigem Springen von Material zu Material baut sie Skulpturen zwischen emotionaler Sinnlichkeit und souveräner Nüchternheit. In ihrem Atelier arbeitet sie an Bruchstücken, die sie dann im jeweiligen Ausstellungsraum fertigstellt. Natürlich zeichnet, malt und collagiert Anna auch; ihre Papierarbeiten sind meist abstrakt geometrisch, wirken oft wie Entwürfe für zukünftige kühne Plastiken.

Ein Ankerpunkt: die Einladung ihres Vaters, Musik bei einer Performance einer seiner Künstlergruppen zu spielen; Anna war auch dabei, und ihr Freund Florian - ein Berliner Kind, das es ins Rheinland gezogen hatte; ich war an anderen Orten und konnte leider nicht folgen. Dieses Frühjahr aber beschallte ich die Eröffnung von Shelter, ein temporärer Projektraum auf der Ritterstraße in Köln, hinter dem Annas Freund Florian mit stand.

Gio (Spike)

the soul of a broken circle

for gio ( f.n.)


when i went to the swiss

for the beautiful light and bright

colors quite irritated a vertigo-

like character.

my life was only a dream.

or vice versa so far.

but now lost in between mountains

or what i expected

did i expect.

then soon locked up in a velveteen room

i could not help it

when i gave answers to but

nobody questioned.

this is not my diary

this is not the place wanted me to stay

this is something different.

it’s my lifetime in sanity.

Spike hatte bei mir einen Text über die Kunstszene von Mediterranien bestellt. Für vier beigeordnete Portraits fehlte dann leider der Raum. So fiel auch Gio Sumbadze raus.

Gio hatte ich Oktober 2000 in Moskau bei der Ausstellung Art grus kennengelernt. Als die Stadt mir als die beste der Welt galt; obwohl Putin schon herrschte und Lushkov regierte. Wir fanden überall Kontakt und Türen öffneten sich. Wir wurden an Warteschlangen vorbei geschleusst, sassen in VIP-rooms, die eher niedlich denn mondän waren, gingen in eine Saunadisco und in coole Undergroundclubs. Alles schien jung, offen und war im Aufbruch. Wir  fuhren stundenlang in der wunderbaren U-Bahn (natürlich im Wissen, wer sie wann wie bauen liess), besuchten absurde Surab Tsereteli-Skulpturen, ein Fernsehstudio aus Sowjetbestand, das Kaufhaus Gum und assen Abendbrot in einer wunderbaren Hochhauswohnung in einer Vorstadt nahe dem fantastischen Park der Die Allunionsausstellung. Vier Jahre später, bei meinem nächsten Aufenthalt, empfand ich nur noch Abscheu. Die defekte Demokratie war in eine unbarmherzige Diktatur übergegangen. Xenophob, homophob, heterophob. Eine bedrückende Atmosphäre lag über der Stadt.

Damals aber nahmen Gio und ich uns sofort einander an. Er war blutjung, sprach fliessend Deutsch und hatte bereits alle Drogen der Welt ausprobiert. In der Ausstellung zeigte er Videoarbeiten in einem grafischen, seriellen Minimalismus: die Kamera verfolgt Stromkabel, endlos, mit Brüchen und Neuansetzen; in einem anderen schnitt er Architekturaufnahmen so, dass sie einen musikalischen Rhythmus entwickeln; in wieder einem anderen reihte er in ruhigen Einstellungen Portraits mediterraner Jugendlicher aneinander – alle Videos könnten ewig weiterlaufen, wären sie als loop gedacht, es sind aber Kurzfilme, die loops imitieren, Kurzfilme, die man von Anfang bis Ende betrachten soll.

Gio hat einen ordnenden Blick, er ist ein Weltenvermesser. Seine Arbeiten haben etwas Archivarisches, Grenzen zwischen Dokumentation und Eingriff lässt er verschwimmen.

1994 war er zum ersten Mal Mitglied in einer Künstlergruppe, ოთხი ზალი. Ein Phänomen in Mediterranien: der im Westen und vom Kunstmarkt so geliebte Einzelkämpfer ist hier die Ausnahme. Natürlich sind auch die Künstler hier Individuen; aber sie finden sich doch immer wieder zu Gruppen zusammen, sei es projektbezogen oder für einen längeren Zeitraum. Gio war/ist beispielsweise Teil von goslab, shizlab, Inf.Act, Lift oder bolder.

Im Winter 2000 traf ich Gio in Berlin. Wir waren auf Kreidler-Momus Mnemorex Tour. Nick hatte am Vorabend mitgeteilt, dass er uns die Gefolgschaft kündigen wird. Die Stimmung war gereizt. Ich versuchte zum Abschied eine versöhnliche Brücke  zu bauen, und lud ihn mit ein zu einem Frühstück bei Jörg (Impressions d’Afrique). Unter den versammelten Mediterraniern war auch Gio, und er machte eine Fotosession mit Nick und mir.

Im darauf folgenden Februar kam ein Päckchen. Gio hatte ein sehr schönes Video zu Sans Soleil gedreht. Aus Motiven, die er in Cannes gefilmt hatte. Eine düstere Liebesgeschichte. Meist dunkle, nächtliche Aufnahmen. Bilder aus dem Hafen, die eine ähnliche Atmosphäre wie Szenen aus John Carpenters Prince of Darkness, Begegnungen, Aufzugsszenen mit einem russischen Modell, Auffahrten, Lichter, ein Zittern. Ein Film der projiziert werden muss, der die große Leinwand braucht und die Tonspur Lautstärke.

Das nächste Mal traf ich Gio in Sonsbeek,  wo er ausstellte, und danach in Düsseldorf. An der Wand in unserem Studio The Park hing jahrelang ein Foto, das ihn mit seiner damaligen Freundin Nino zeigt, vor dem Kreidler  – Weekend Poster stehend, er mit einem Messer in der Hand, mit unschuldigem Blick zwischen Heroin-Chic und bösem Throbbing Gristle Motiv.