Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

Und Tag Acht.

Morgendusche. Auftauchen. Am Küchentisch schiebt mir Thomas seine neu geordeten Drumfiles rüber.

Spät war es geworden für uns. Nach den After-work-pints bei Skulpi an der Atlas Bar, Zentrum Kreuzberg, hatte Thomas noch das Schlagzeugarrangement für Stück Nummer Sieben umgeschnitten, während ich Stück Nummer Sechs ausspielte; wie sich am nächsten Tag herausstellen soll mit einem ordentlichen Mangel an Konzentration, so dass Guy mich wiederholt zum Appell vor das Pult zitieren werden wird. Darüber hinaus verschlief ich im nachtens anschliessenden Umbau von Trogdons/Reihses »Repeat/Fade« (Deadline von vor 10 Tagen), einem Song für Nadim Vardags gleichnamige Ausstellung in St. Gallen (Eröffnung diesen Freitag, also jetzt), dass ich auch noch für eben jeniges Stück Nummer Sieben die MPC-Einzelspuren zu arrangieren gehabt hätte, die ich gestern Spätmittags in der LowSwing Küche aufgenommen hatte, wo zu allem Überfluss auch noch das Hammerfall-Netzteil, schändlich billiger Ein-Euro-Plastik-Schrott aus Jena, Taiwan, seinen Geist aufgegeben hatte, welches ich geplant hatte, heute morgen vor Beginn des Studiotags bei Conrad Electronic, in Ermangelung einer Idee eines vielleicht angenehmeren Fachgeschäftes, gegen ein hochpreisiges Ein-Euro-Plastik-Schrott-Netzteil anderer Provenienz ersetzen zu wollen, Plan Plan Plan, die Zeit war längst davon geschwommen, noch eine Tasse Aspirin aus der Faema E-61.

Mittlerweile wurde mir der Gedanke, aus einem Stück zwei zu machen, ein immer besserer Freund: eine Ballade und einen Wüstenrocker, anstatt jetzt Thomas Version, die einen wirklich zupackenderen schnellen Teil hat, mit der vorhergehenden, die einen hübscheren langsamen Teil hat, zu verblenden; auch gerne erst den Wüstenrocker und als Abklang von Seite Eins die Ballade; denn eigentlich bräuchte ich fünf Stunden, um ein neues Arrangement zu basteln; wenn ich ehrlich bin, bräuchte ich eigentlich einen Tag; ich beginne zu schwitzen; ich versuche Thomas Neuordnung über die alte Ordnung zu stülpen; ich wünsche mir ein dreidimensionales Logic, mit verschiedenen Ebenen, mit verschiedenen Transparenzen, mit verschiedenen Ebenenfiltern mit verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten, Freirubbeln von dahinter liegenden Sequenzen, von darunter liegenden Foldern, nicht, dass das funktionieren würde, eigentlich möchte ich es mir überhaupt nicht vorstellen, wünsche mir, wie Heisenberg, ich könnte es auf der mathematischen Ebene belassen, als Verknüpfung von Zahlen, als algebraische Reihen und Rechenfunktionen, wie Bach wahrscheinlich komponiert hatte oder der blinde Stevie Wonder oder der taubgewordene Beethoven, aber wir sprechen hier von Band, und wir sprechen hier nicht Max, und wir beissen nicht in den vergifteten Apfel, ich bräuchte zwei Tage, wenn ich ehrlich wäre, im Studio angekommen, baue ich im Arbeitsplatz Küche auf, gerate ins Schwitzen die nächsten drei Stunden, nicht zu schaffen, ich kriege schlechte Laune, was es energetisch nicht einfacher macht, Detlef schlägt eine Mittagspause vor, wie soll das denn gehen? - geht nur, ihr!, Thomas, Alex und ich hören nochmals in unserer inszenierten Alternativabhöre über die Tannoys das vorhergehende Arrangement, Thomas gefällt es doch ganz gut, Ausatmung, ich lade seine neuen Perkussionselemente und die MPC-files auf die Rikiki und übergebe an Alex, und als Guy, Florian, Detlef und dann auch Thomas vom Essen zurück kommen, überreicht Alex die Stems. Wir schmeissen die Nebelmaschine an und unsere kleine Ampellichtorgel, und Fünf nach Neun hat Guy alle Mixe auf unsere Kanister überspielt, legt den großen Hebel um, das Licht ist aus, wir geh’n nachhaus, erschöpft und glücklich fallen wir uns in die Arme, mit nassen Augen und trockener Kehle, verabschieden uns, dann Würgeengel. Dann Abtauchen, dann: Danke Band.

Tag Sieben

»Warum nicht nach Stück Zwei Stück Drei!?«
(Helge Schneider, live 1989)

Warum nicht nach Stück Drei Stück Vier? Unser Motto für den Mittwoch Nachmittag. Guy Sternberg ist ein fantastischer Techniker. Geht nicht, gibt es nicht. Nicht bei ihm; auch auf den abstrusesten Einwurf von unserer Seite, den jeder Regeltechniker, borniert in seiner imaginierten Berufsehre gekränkt, abschmettern würde, versucht er, eine Antwort zu finden. Heute wirkt allerdings selbst er etwas rangenommen; unser Album-Programm hat auch uns strapaziert; von der arbeitenden Binnenpsychologie ganz zu schweigen; wo am ersten Tag die Bounced-in-position-Stems noch auf den Punkt zum Mixstart fertig waren, da schleppen wir nun; alle Ohren sind gefragt, zu viele Entscheidungen müssen am Pult getroffen werden, analoges Mischen eben, und dann verlangte Stück Nummer Drei plötzlich noch nach Weichem Editieren, das Arrangement wurde vorsichtig aufgeschraubt. Jetzt sitzt es perfekt, und klingt ebenso. Nur in Folge dessen ist Alex noch immer unterm Kopfhörer abgetaucht, verschwunden in Abhöre B vor seinem MacBook; hat er die Stems gebouncet, startet der Mix. Startet der Mix. Startet der Mix. Startet der Mix, jetzt gleich startet der Mix. Guy reinigt zum wiederholten Male die Fingernägel mit dem Stellmesser; Assistent Florian poliert sein Kleinkaliber.

Unglücklich ist, dass Guy mit Cubase arbeitet, wir mit Logic; wer war nochmals Protools? Wie im Kreidlerkeller so verstaubt es auch bei LowSwing, Ergebnis einer miserablen Update-Politik.

Unglücklich ist es übrigens nicht. So kommen wir gar nicht erst in Versuchung, irgendwelche Plugins aus unseren Rough-Mixen weiter zu verwenden, nur damit man sich beim finalen Mix dann daran zu Tode fummelt, oder, das heisst, wenn wir doch welche benutzen, dann sind sie direkt in den auf ±0 dB gepegelten, panoramafreien Audiofile eingerechnet, als Bestandteil des Klangs, also bei Synthesizern eigentlich nur.

Den morgigen, unseren letzten Tag, haben wir für das komplexeste Stück reserviert, wo Thomas meinen Take auf Alex Arrangement erst vor ein paar Tagen umgeschmissen hatte. Und Stück sechs noch, Alex Miniatur, von Andreas verdreht und neu instrumentiert, aber das abzumischen wird eine Minutensache, morgen früh, eine Fingerübung, da sind wir uns alle einig.

Tag Sechs

Dienstag kurz nach Siebendreißig pm, nachMittag, unser Abmischen rollt gut vor sich hin, ich verabschiede mich von der Band zum Screening bei Image Movement, die wunderbaren Authority Office, mit einer Geschichte über Verlust, in der ein Kugelschreiber eine tragende Rolle spielt. Inspirierend, ich weiß noch nicht, wohin, aber wann weiß man das je, später schon, vielleicht, in der Rücksicht. Alex verspricht mir, ein weiteres Stück zu Ende zu mischen und das vierte aufs Pult zu stellen. Das klingt gut, ich nehme die Worte mit auf den Weg. In leichtem Zweifel.

Natürlich, natürlich sage ich später, als sie um Viertelnachzehn pm, nachMittag, auf der Oranienburger Straße stoppen, mich aufzulesen, aber auch das sagt man immer später, in der Rücksicht, als hätte man es gewusst, zuvor gewusst, von wegen Stück Nummer Vier, natürlich bereitete Stück Nummer 3 Probleme und verblieb die Nacht auf dem Neve, zur Wiedervorlage am nächsten Morgen. Aber sie wären der Lösung auf der Spur, sagt Detlef mit dem ich den Abend erde und ende. Im Zillemarkt = keine Empfehlung. Also Engelhardt vom Fass schon okay. Trotzdem gute Nacht.

Tag Fünfeinhalb

»O gewiß, eines Bierzapfers Rechenkunst würde hinreichen,
diese Einheiten in eine Summe zu ziehn.«
(William Shakespeare: Troilus und Cressida; in der Übersetzung von Wolf Graf Baudissin)

Guy hatte um einen späten Beginn gebeten, was uns Anlass genug schien, den Tagesbeginn kurz nach Mitternacht im [[Das Schwarze Kaffee|Schwarzen Café]] einzuläuten.

An der S-Bahn Haltestelle hatten wir TANK Coverkünstler [[Andro Wekua|Andro]] auf seinem neuen, [[Ferrarirot|brandroten]] Rennrad gesehen und gleich mitgeschleppt.

Der Service ließ Berlinüblich zu wünschen übrig, das heißt, unsere Bestellungen versandeten irgendwo im Kopf des [[Servierhilfskraft|Obers]]. Das machte er mit [[Berlinunüblich|Berlinunüblicher]] Freundlichkeit aber wieder wett. So dass wir uns gezwungen sahen, länger als der Gesundheit und dem Volksempfinden zuträglich zu bleiben. Der Wecker sollte uns gnadenlos in den zweiten Tagesbeginn reißen.

LowSwing Sweet Cheriot

LowSwing Sweet Cheriot. Wir schon wieder.

Nach einem sprachlosen Raum von einem Monat, den wir dem viermal wöchentlichen Editieren verschrieben hatten. Vor allem der Vorstossblock Berlin sah sich in der Pflicht. Struktur suchend, Festhalten, wo? Hacken, Haken, schlagend, nach Überraschungen Wühlen im drei mal 49 Minuten Festival pro Song, dann auswählen, was denn nun überhaupt Song heißen mag, und was Fragment bleiben darf, vielleicht für später oder einfach als Gedankenstütze für das Weiter, Summensubmixe auseinander denken und als Singularitäten neu einspielend, Übermüdungen, Verwirrungen und Verirrungen, langsam Form findend, voranschreitend, Entscheidungen treffen, Bedeutungen setzen, runterfallen, Popoknallen, in die heiße Suppe fallen, und weiter geht das Beben.

LowSwing, Sweet Cherry OD’ed, ein paar Tage vor der Kirschblüte, hier sind wir wieder, einbestellt und bereit, unser neues Album abzumischen.

Parole ./. Segnale

Als ich an den 700 Worten für Miki Yui arbeitete, Worte statt Zeichen, parole invece di segnale, wo zählt man Worte? – richtig, mein Auftrag lautete, Schreibe in Englisch, wurde ich an den Katalog »Autos« von Andreas Schulze erinnert.

Vor etlichen Jahren, im Januar 2007, damals noch im Rheinland, in Köln, in der Südstadt, auf der Wormser Strasse 23, hatte Agnes Kornas, eine Mitarbeiterin der Galerie Monika Sprüth, mir den kleinen Katalog in die Hand gedrückt. Für Nika. Ich versprach ihm zuhause, dass ich ihm zum Einschlafen daraus lesen werde. Das Vorlesen wurde ein Durchblättern und Bilder Angucken, Autos, da kannte Nika sich bestens aus, er war damals vier Jahre alt, und wir versuchten zu raten, welche Modelle dem Maler wohl als Inspirationsquelle gedient haben für seine knuffelig verdötschten, verbeulten Bildfindungen. Man spürte jedem Gemälde den Spaß an, den ihm das Zurechtrücken, das vorsichtig Farbfläche an Farbfläche setzen, gemacht haben musste. Andreas Schulze at its best, selbst in der Reproduktion war hier Lebensbejahung pur, eine cremige, leicht nach Leinöl riechende Ode an den Fortschritt, an die Automobiltechnik, ein Lob der Menschheit.

Zum Ende des Katalogs hin dann doch ein Text. Ein Text von Marcus Steinweg, ein Text über das Fahren. Natürlich kein Virilio-Quatsch sondern eine kurze Vignette, wie Lacan ordentlich Gas gibt und Heidegger das Fürchten lernt. Wenn Sie verstehen. »Autofahren mit Lacan«.  

Daran musste ich jetzt wieder denken beim Verfassen meines Katalogbeitrags zur Klaus Dinger Ausstellung in Düsseldorf. Zu dem mich Miki Yui eingeladen hatte. Ich wollte anhand verschiedener Situationen, die alle mit Autos, Verkehr und Fahren zu tun haben, und die ich mit Klaus erlebt hatte, oder von denen er mir erzählt hatte, von ihm erzählen. Und wo Marcus Text Philosophie atmet, da pluckert und tuckert in meinem natürlich die Musik. 

Tag Drei

Tag Drei,
und alles ward wieder gut.

Huh?

Tag Zwei. Kartoffelbrei.

Es ist schon wieder soweit, es schon wieder an der Zeit

»Bleibt alles anders.«
(Herb “Herbert” Grönemeyer)

Wir beginnen mit den Aufnahmen für unser neues Album. Pause war gestern. Wir sind in Guy Sternbergs LowSwing Studio verabredet. Wo Alex mit einer Handvoll illustrer Gäste sein Soloalbum (kommend) aufgenommen hatte, wo Alex seine Mars Version (erschienen) gemischt hatte und Alex und ich neulich erst Team (Out April 21, 2012).

Wir verteilen uns im Kontrollraum. Schlagzeugteile warten in Aufnahme Eins, dem großen Studio. Thomas setzt unsanft im Hof auf, Becken im Gepäck und Detlefs Elektronikboard. Jetzt erstmal Pause. Der Tag fängt gut an, der Kaffee tut sein Übriges. Guy drückt den dicken Knopf, Achtung Aufnahme.

Wir haben keine Titel, das heißt, die Dropboxversuche trugen schon Bezeichnungen. Aber der Bogen war darin noch nicht zu erkennen. Wir halten uns an nichts, ich sage Detlef die Geschwindigkeit an, Alex schreibt die Harmonien raus, Thomas ist an seinem Kopfhörer Submischer überfordert, von uns kommt nichts als Krach. Nichts als Krach kommt von Euch, sagt er. Ich stimme den Klopfgeist und lege ihn Thomas auf einen separaten Ausgang. So geht das.

Ist es schon wieder soweit?

Ist es schon wieder an der Zeit? Detlef legt im .hbc auf, »Karaoke Kalk Tolouse Low Trax Record Release Party« heißt das. Und Tolouse Low Trax ist übellaunig. Zu leise, kein Bass, schrottige Monitorbox, und in die Ecke geschoben, verschoben, das Dj Pult, nicht nett. Die Anwohner eben. Oder, Der Anwohner. Es ist schließlich immer einer. Wo man sich wundert, warum er in der Stadt lebt. Wegen Schlecker und Burgerking? Der Anwohner eben. Der in Mitte. Zu leise. Kein Bass.

Thomas erwarten wir morgen, er hat noch zu tun, heute abend, in Köln. Auch Alex glänzt in Abwesenheit.

Er schwächelt etwas, lässt sein Fernbleiben entschuldigen, gerade zurück aus München, von seiner Theater-Routine. In selbiger steckt Thomas übrigens. Heute. In selbiger. Ja hallo!!!??? - wo sind wir denn hier? Noch so eine staatlich quersubventionierte Band wie die Goldenen Zitronen? Gut, dass wenigstens Detlef und ich dagegenhalten. Gegen die Theaterwelt. Bah!
Zumindest, bis das richtige Angebot kommt.