Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop.

»Wrnnn, wrnnn!«

Berlin, Gerkan-von-Meinhard-Zentralbahnhof. Durchsage am Gleis. »Sehr verehrte Reisende, aufgrund der Verzögerung einer vorrangigen Leistung verschiebt sich die Abfahrtszeit dieses ICEs um circa zwanzig Minuten.« In Redesign-Deutschland übersetzt: »Wo ist Zugpersonal.«

Spandau, Durchsage im Zug. »Sehr verehrte Reisende, dieser Zug hält nicht in Wolfsburg; unser Zug wird heute über Magdeburg und Braunschweig umgeleitet. Unsere Fahrtzeit wird sich dadurch um sechzig bis siebzig Minuten verlängern. Ursache sind Überschwemmungen. In Deutschland.« Unwahrscheinlich, dass unser Zugbegleiter dachte, der Nachsatz wäre nötig, weil irgendein Fahrgast Überschwemmungen in Indien verantworten wollen würde; wahrscheinlich war ihm schlicht danach, den Klang des Wortes Deutschland laut über die Zugsprechanlage zu genießen.

Düsseldorf. Ankunft. Mit rund zwei Stunden Verspätung, aber trockenen Fußes, steigen Alex und ich das eilig herbeigeholte Silbertreppchen in die Nordrhein-Westfälische Landeshauptstadt hinab. Der Chauffeur wartet am Hauptportal des Hans-Dietrich-von-Diepenbroick-Grueter-Fernbahnhofes und gleitet mit uns auf die andere Rheinseite, in ein Geheimstudio, wo wir mit Detlef verabredet sind, zur Finalisierung unseres Beitrages für die morgendliche Bandnight - Part Two von Jacob Wrens Projekt »Every Song I’ve Ever Written«.

Doch ein kanadisches Filmteam stoppt uns auf der Brücke, »10.000 Dollar Shot!« rufen sie in bestem Heidi-Klum Style, und so werden wir sie auch über den nächsten Tag kennen und lieben lernen.

Detlef empfängt uns mit Zigarette im Anschlag. Er hat seinen Maschinenpark bereits unter Strom gesetzt, Alex und ich bocken unseren Song auf, wir zerlegen Oberkassel und ziehen uns Punkt 19 Uhr wieder zurück über den Fluß, wo wir den Abend in der Original Memphisbar in feinstem Ouzo ertrinken und ertränken.

Winter

»Es liegt ein Grauschleier über der Stadt«
(Die Fehlfarben, Grauschleier)

»Passports expire, and so do invitations«
(L. Taylor as Ms. Goford in Joseph Losey’s Boom)

Die Maschinen rollen schwer auf das Feld. Die Stiefel sind schmutzig. Waren sie es je nicht?

Bestellt. Unbestellt. Sie werden nicht mehr gebraucht. Wurden sie je?

Mit 120 Kilometer pro Sekunde rauschen wir aufeinander zu. In einer schlingernden Bewegung. Behände gelenker Maschinentanz, gut geschmierte Scharniere, von eckig martialischer Eleganz, Programme auf Basis des Schlagzeugspiels Jacky Liebezeits. Obsolet gewordenes Wissen das.

Fliehendes Rotwild wird gestellt, gelegt, entledigt. Das letzte seiner Art, erlegt, erledigt.

Böse? - in Kategorien wie Moral und Mortalität wurde schon lange nicht mehr gedacht.

(Das Video zu WINTER ist von Heinz Emigholz.)

Celtic Ghosts…

Staubgefüllte Schüssel,
Schlucht, Schacht, Schlacht.
Voices I hear voices,
Echoes in my mind.
Die Geister, die mich riefen,
Den Sinnen schwinde ich.

Wrommm. Wer hat Sie denn ein eingeladen? Wrommm. Ohne Anzuklopfen? Wrommm. Wrommm.

Bis vor Kurzem hatten die Bewohner der kleinen Ansiedlung ihre Ruhe; der Wüstenplanet lag jenseits aller Fernverkehrswege. Aber seit der Sprengung der Erde war alles anders geworden. Im Minutentakt, ach im Sekundentakt donnerten die Schlachtschiffe vorbei. Das wenige Geschirr, was noch nicht zerborsten war, ruhte schwer festgezurrt auf dem Regal. Egal.

Tick Trick und Track hielten Onkel Donald die Augen zu; die Wunder des Jahres 2000 wollte er sehen, und nichts als ein alter Brummer donnerte vorbei. Wrommm.

(Das Video zu CELTIC GHOSTS ist von Heinz Emigholz.)

»Moth Race«

»Wo ist das Licht? Das Lichte?
Hier?
Im Hellen? Rund um die Uhr?
Im Betrieb? Das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies?
Seltswames Gluck…«

»Wo ist das Schwirren? Das
Summen? Das Schlieren?
Das Um-Her-Irren? Hier?
Im Warten? Zählst Du die Stunden? Die Runden?
Bis zum Aufruf? Das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies?
Seltswames Gluck…«

»Wo ist das Tor?
Der Ausgang?
Das Ziel?
Hier?
Nach dieser Etappe? Ein Gate -
Oder doch nur Attrappe? Lanzette, Maquette -
Sagt die eine, die Kleine, sag’ nicht: ‘Meine’,
Große Füße, schwarzes Haar.«

»Und das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies? Seltsames Glück.«

(Das Video zu MOTH RACE ist von Heinz Emigholz.)

Gone Mustachio.

Die Schnauz

Der Schnauz ist ab.
Die alten Zöpfe.

Fallen herab.
Die Schere schnappt,

Klipp klapp!

(Jame Puri, Die Gans ist raus)

Zückt die Werkzeuge. Schleift die Herzen. Wetzt die Messer! Das Jahresende gelingt den Weltenkennern versöhnlich. Gegenich gegenüber im Spiegelbild verzweifacht, vereint.

Geschwisterdienst am Doppelgänger. Ich will Dich glatt! Un’ eben! Ich nehm’ Dich in die Mangel! On. Off. On. Off. On. Off.

Das Video zu DEADWRINGER ist von Heinz Emigholz.

Санкт-Петербургноября

»Andererseits könnten die Groupies zwischen den einzelnen Bandmitgliedern viel besser unterscheiden, wenn Ihr Uniformen tragen würdet. Das war doch der Hintergedanke von Kraftwerk, und der vom Militär sowieso.«
(Heinz Emigholz, Gespräch für Travel Almanac)

Yvonne trafen wir in Genf wieder, in einem Club namens Usine. Sie hatte uns 1996 zu einem unserer ersten Auftritte nach Berlin eingeladen, ins Muzek, einem dieser leerstehenden Ladenlokale, die temporär in einen coolen Ort umfunktioniert wurden, was damals “nach der Wende” vor allem in Berlin-Mitte und - Prenzlauer Berg zum guten Ton gehörte. Das Muzek betrieb sie mit Natascha Sadr Haghighian, bald danach sollte daraus Daniel Pflumms Panasonic werden. 1997 hatte Yvonne genug von Berlin und zog nach Genf, wo sie uns erneut zu einem Konzert in einen coolen Club einlud, Music Mixer, in einem besetzten Haus. Das sind Geschichten.

Jedenfalls. Nach dem Auftritt in der Usine 1999 nahm Yvonne mich zur Seite und flüsterte, »was hat denn Stefan für eine Krankheit?« Wieso, ich weiß von nichts? Na, er sehe so anders aus, gestaucht in sich, und das Gesicht ganz verändert. Ich konnte Yvonne beruhigen, Stefan gehe es meines Wissens gut, und er bereise mit To Rococo Rot die Weltgeschichte. Bei uns auf der Bühne allerdings, das sei Alex, am Bass, Alex, unser neuer Bassist. Nicht Stefan.

Neulich entdeckte ich zufällig bei der DEN Bildersuche ein seltsames Konzertfoto von uns, und erschrak kurz über Thomas; die Aufnahme war irgendeinem Blogger geschuldet, auf dessen Seite ich dann einen Schmähbericht las, über unserem Auftritt Sommer 2011 auf den Theaterformen in Hannover, und natürlich war es nicht Thomas am Schlagzeug, sondern Sebastian Vogel von Kante, der an diesem Abend an seiner statt gespielt hatte.

In St. Petersburg nun hat Tyler Pope Alex an Bass und Gitarre vertreten. Die ersten eineinhalb Jahre unserer Band firmierten wir als Kreidler feat. DJ Sport. Und vielleicht drei, vier Auftritte feat. DJ anderer Name. Sport war Detlef, als dann klar war, dass Kreidler Band ist und nicht irgendein Kunstprojekt, löschten wir das feat.

Als Kind schaute ich mit meinem Opa regelmässig um Weihnachten herum im Fernsehen ein Schweizer Eishockey Turnier namens Spengler-Cup. Was mir vor allem in Erinnerung geblieben ist, weil einige der angetretenen Schweizer Clubs das merkwürdige Attribut verstärkt im Namen trugen. Beispielsweise:
Davos Verstärkt gegen Vevey. Verstärkt wies auf den Umstand hin, dass die Mannschaften während des Turniers – im Unterschied zum regulären Ligabetrieb – mit kanadischen Gastspielern operierten.

Die Setliste von St. Petersburg: 1. SUN 2. Brass Cannon 3. CASCADE 4. Evil Love 5. Jaguar 6. New Earth 7. Impressions d’Afrique 8. Kremlin rules.

Очен спасибо очен! Давай до свидания!

Beton Beton Beton.

Fünftausend Japaner. Ein letztes verzweifeltes Aufbäumen. Fünftausend Japaner mit Bambusstöcken gegen Maschinengegenwehr. Banzai Chopstick. Fünftausend Japaner im Kugelhagel. Dahingemetzgemetzelt. Zerbrechende Jadesteine. Sie wissen im Fallen, das Land der roten Sonne steht nun offen. Von hier aus wird der Feind einfliegen. Fünftausend Jahre später. Fünftausend Essstäbchen ragen aus dem Boden. Zwischen Ziegelsteinen. Brachland. Wird nun Supermarkt genannt. Einkaufsstadt aus Küchenmöbel. Ein Hauch von Memphis. Milano (Tennessee). Ein Hauchen. Und erneutes Fallen, verlassen, Leiche ablegen.

Was war nebenan geschehen? Wer will hier noch von Freund und Feind reden. Kannst Du unterscheiden? Auf welcher Seite stehst Du? Nie auf Eurer!

Glaspyramiden über dem Schacht, den Schächten, der Schlucht, den Schluchten. Kleine Anschlagtafel, Malbrett und lustige Stiefelchen, Namen und Nummern, Staffeleien mit Bildschmuck, nüchtern gehalten, Präzision statt Wahn. Krieg ist nur eine Frage des richtigen Buchhaltens. Das Siegen zumindest.

Zurück zum Beton: Gras bricht durch. Bäume bezwingen ihn. Buschwerk und Vogelgeflatter. Trocken grüner Dschungel. Rote Sonne gehenkt. Eine Schneise wird Strasse genannt. Abgebrannt. Weggerannt. Kaiser abgedankt. Beton Beton Beton.

Das Video zu SUN ist von Heinz Emigholz.

Colognenovember

»Und wie ein begossener Pudel schlich er durch die Felder davon, während der Wachtmeister und der Gendarm noch immer lachend ihm von weitem grobe Kasernen-Ausdrücke nachbrüllten, bis allmählich sein schwarzes Käppi über dem Riesenmeer der Saaten in der Ferne verschwand.«
Henry René Albert Guy de Maupassant, Die Morithat, in der Übersetzung von: Georg Freiherr von Ompteda; 1917, Berlin: Fleischel & Co.)

Immer Ärger mit dem Körper. Mit königlicher Verspätung klopfen wir im Museum Ludwig ans Fenster. Und können nur noch staunend zu Protokoll nehmen, dass auch die Düsseldorf-Fraktion gerade erst eingetroffen zu sein scheint. Scheinbar war nicht nur der Berliner Morgen von überraschender Unregelmäßigkeit. Ich möchte nicht mehr davon sprechen. Immerhin hat Thomas sein iPhone wieder repariert gekriegt.

Mit gesenktem Haupt nehmen wir von der Abteilung Bühnentechnik die vorwurfsvolle Ansage entgegen:  »Ihr seid zu spät gekommen. Soundcheck können wir jetzt nicht mehr machen. Wir machen einen Linecheck bevor Ihr spielt. So.« Die Betreuung in Köln ist aber vorzüglich. Und so hechten die Damen von der Stadtrevue souverän in die entstandene Lücke: »die gute Nachricht: wir haben für Euch einen Tisch in einem pan asiatischen Restaurant reserviert!« (Man wird uns Gnocchi servieren. Pan asiatisch. ich erinnere mich. Der Kölsche Schinese. Die Ohren gehen hier anders.)

Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit dem Museum Ludwig. In der Art Spiegelman Ausstellung ist natürlich alles gut, Arbeit für Arbeit. Aber eben auch alles Repräsentation. Und das geht irgendwie nicht wirklich. Ich möchte die Heftchen schon alle in die Hand nehmen und durchblättern, mal abgesehen davon, dass ich alle haben möchte, die New Yorker zuhause auf dem Tisch rumliegen haben, die Boris Vian Bände aus meinem Buchregal ziehen können. Während bei David Hockney’s iPad Malereien und Foto-Dioramen tatsächlich unzählige Einzelarbeiten bräsige Langeweile sind, aber die Ausstellung als Ganzes dann doch Größe atmet. Groß natürlich auch Kasper Königs Abschiedsgruß Ein Wunsch bleibt immer übrig. Schulze, Metzger, Genzken, Trockel, Dunham und 70 weitere. Überstrahlend eine Installation von Jimmy Durham, zur Vernichtung der nordamerikanischen Indianer. Ich hatte sogar noch Zeit, nach Jahren mal wieder durch die wunderbare Abteilung Popart zu schlendern. Kurz danach: einige Trotteleien und Eigenblödheiten addieren sich, ein paar kleine technische Unzulänglichkeiten summieren sich, mit unserem Auftritt konnten wir nicht wirklich zufrieden sein. Leider.

Nach Mitternacht dann: Thomas humpelt mit kaputtem Meniskus sein Schlagzeug nach unten. Die Berlin-Sektion hüstelt hinter vorgehaltener Hand: die verlängerte Anreise im strom-und damit heizungslosen ICE-Abteil forderte nun doch ihr Tribut. Und vier Uhr morgens dann, mit Vorfreude auf Restnacht in Hotelklimaanlage, fallen Alex und ich in unsere Betten, noch ahnungslos, wie elegant wir die Abfahrt unseres Heimwärtszuges verpassen werden. Immer Ärger mit dem Körper.

Wet Mustachio.

»An seinem achtzehnten Geburtstag ließ seine Mutter ihm eine Badewanne ein/…/ Mit einem Ruck zog sie den Stöpsel heraus/ Er blieb sitzen und/ Weinte leise«

(Der Junge, der nicht wusste, dass man sich waschen kann)

Eine Wasserskulptur.

Verschiedene Geschwindigkeiten im Reich der Möglichkeiten, im Rausch der Sinne, eine Explosion von Lust und Freiheit. Dreh doch mal das Wasser auf. Rituale des Verkleidens, bzw. Entkleiden als Maskerade, und Erscheinungen.

Verblasster Glamour inszeniert, verblasster Glamour dokumentarisch, verblassender Glamour, überhöht.

Ein Auflösen im Wasser. Ein Verschwinden im Labyrinth. Ein romatischer Blick von Aussen. Dr. Triugolnik, der Beobachter im Kontrollraum, zeichnet auf den Schirm. Wo ist die Oberfläche mehr als Projektion, dass die folgende Sequenz vielleicht Traum ist.

Dr. Triugolnik, der Teppichhändler, versucht, zu verstehen. ABC. EinsZweiDrei. Ein Spiel. Schauen und Schauer. Beachten und Beobachten. Verschiebungen. Film ist Fluss. Love streams. Geometrie des Raumes. Regentropfen, die sind ein Gruß von mir. Betrachtung des Betrachters. Figure studies in the museum. Teilwerden des Spiels. Teilnahmslose Beteiligung. Make up. Die Basis des.

Das Video zu CASCADE ist von Heinz Emigholz.

Matik

»But if we imagine a world where every MC really is badder and fresher/ Than every other, it just gets madder and madder/ One of those rooftop salmon ladders/ Drawn by/ MC Escher«
(Momus, MC Escher)

Nick Currie sitzt bei uns in der Küche. Er hat eine Urkunde vom Tisch aufgenommen, eine Schulauszeichnung, für Bestes Gemälde, für Nika, unseren Sohn, adressiert an »Nika Riese« – eine neue, mir bisher nichtbekannte, Namensvariation, vermutlich nach Adam Riese. Ko-inzident hatte Nika am selben Tag eine 5 in Mathematik mit nach Hause gebracht. Nick fragt mich, »wie hältst Du’s mit der Mathematik?« Wie antworten… Was ist Mathematik? Schönheit, Malerei, Sprache, Gemüse, Fäulnis und Verderben, Poesie, »Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie« (Thea Djordjadze, Museum Kurhaus Kleve, 2008), Die Basis des Make-Up? Mathematik ist doch weniger eine Beschreibung, weniger eine Systematik als das Innere wie das Äussere von Allem. Ganz gleich, ob ich die Augen geschlossen oder offen habe. Dass ich einen Tisch als Tisch erkenne, Höhlen = Nis, oder jetzt, wo ich html-Code an einem Apfel tippe, eine Maschine aus einer Ahnenreihe von Maschinen, in die bereits Schneewittchen gebissen hatte, in die Turing gebissen hatte – wo ist keine Mathematik? Wir schlendern aus der Wohnung. Und, sowieso, Musik und Mathematik! Momus sagt, dass sei eben ein anderes Rechnen und Berechnen, eine intuitive Mathematik, die mehr mit Gefühl und also der rechten Gehirnhälfte zu tun habe.

Ich hatte mich an Gödel Escher Bach versucht, war aber nicht weit über – gefühlt – Seite 30 hinausgekommen, und zog es dann vor, mir das Musikalische Opfer lieber selbst anzuhören. Glücklich im Halbwissen. Oder vielleicht genauer: »Wissen meiden« (Wicki Wehrmeister, Superbilk). Oder vielleicht noch genauer: zu wissen, wann man genug hat an angelesenem Wissen. Der Hofstadter sei eines dieser Bücher, das er zwar aus abertausenden Haushalten kennen würde, aber niemanden, der es über  – gefühlt – Seite 30 hinaus gelesen habe, meint Nick.

Im Flur streifen wir eine Schar von jungen Japanern, die alle den Todesreiter aus Aluminiumfolie in Claudia Delanks Salon des Arts unter uns anschauen wollen, und jetzt mit offenem Mund Momus betrachten, dessen Kleidungsstil zwar, wie er sagt, Thriftstore Osaka sei, aber, wie er mit Schiebermütze, Gilet, knickerbockerartigen Hose und seiner Augenklappe das Gründerzeit-Treppenhaus hinabsteigt, jeden an Ghost of Christmas Past, anno 1912, denken lassen muss.

Wir gehen an Paul Bratrings mächtigem Ziegelsteinhaus, der 19. und 20. Gemeindeschule, vorbei; während meiner Schulzeit allerdings konnte auch mich nie ein Lehrer für Mathematik begeistern. Weil sie einfach zu dumm und blöde dafür waren, Fachidioten, aber dazu gemacht von dummen und blöden Lehrplänen, die wiederum von noch viel dümmeren und blöderen Pädagogen erarbeitet worden waren, in die das genauso während ihrer Schulzeit eingepflanzt worden war: eine Escher-Spirale…

Jahre später, als ich mich mühsamst durch die Welt der Quanten arbeitete, wünschte ich mir, nur einer meiner Physiklehrer hätte damals gesagt, Okay, wir quälen uns jetzt durch Newton und Hebelgesetze und so einen Quatsch, aber unser Ziel sind die Quarks und die Relativitätstheorie, wir werden ins All fliegen und in den unendlichen Raum zwischen den Atomkernen, wir werden Schönheit entdecken und Malerei, Sprache, Gemüse, Fäulnis und Verderben, Poesie, »Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie« (Thea Djordjadze, Museum Kurhaus Kleve, 2008) und Die Basis des Make-Up…

Im Einundzwanzigsten Jahrhundert sollte Mathematik längst von einem Künstler (Musiker, Autor,…) unterrichtet werden oder zumindest von ihm parallel oder sequentiell ergänzt werden; Religions-Schulstunden sollten längst der Mathematik zugewiesen worden sein, gerne flankiert von einem Über-Ich-Programm wie Ethik oder Neudeutsch Lebenskunde. Der Moment des Beginns, als sich irgendetwas, das vielleicht von einem Anderswo, von Aussen oder Innen hineintunnelte, als sich dieses Irgendetwas in Null und Eins spaltete, womit es dann eben losging und  dann weiterging und weitergeht und weitergehen wird, bis es irgendwann thermodynamisch, entropisch wieder in eine Singularität fallen wird, die dann vielleicht in ein Anderswo, von Innen oder Aussen, hineintunneln wird, oder eben auch nicht, also, dass man diesen Moment, den Beginn von Schönheit, den man nicht näher benennen kann oder muss, oder wie Werner Heisenberg zur Quantenmechanik wünschte, sie doch bitte auf der Ebene der Mathematik zu belassen, und nicht den Weg des Illustrativen à la Watson-Crick-Rosalind-Franklin zu gehen, wenn das jemand mit seiner gefühligen Seele braucht, dann kann man diesen Moment des Durchgangs von mir aus auch als 7-15-20-20 (in der deutschen Sprache, 7-15-4 beispielsweise im Englischen) bezeichnen, also schon illustrativ, aber zumindest scheint die Mathematik durch.

In Kaisers Kolonialwarengeschäft decken wir uns mit Bier ein. Reichlich. Für uns und die anderen Gäste. Kleines Einmaleins, sowieso okay.