»But if we imagine a world where every MC really is badder and fresher/ Than every other, it just gets madder and madder/ One of those rooftop salmon ladders/ Drawn by/ MC Escher«
(Momus, MC Escher)
Nick Currie sitzt bei uns in der Küche. Er hat eine Urkunde vom Tisch aufgenommen, eine Schulauszeichnung, für Bestes Gemälde, für Nika, unseren Sohn, adressiert an »Nika Riese« – eine neue, mir bisher nichtbekannte, Namensvariation, vermutlich nach Adam Riese. Ko-inzident hatte Nika am selben Tag eine 5 in Mathematik mit nach Hause gebracht. Nick fragt mich, »wie hältst Du’s mit der Mathematik?« Wie antworten… Was ist Mathematik? Schönheit, Malerei, Sprache, Gemüse, Fäulnis und Verderben, Poesie, »Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie« (Thea Djordjadze, Museum Kurhaus Kleve, 2008), Die Basis des Make-Up? Mathematik ist doch weniger eine Beschreibung, weniger eine Systematik als das Innere wie das Äussere von Allem. Ganz gleich, ob ich die Augen geschlossen oder offen habe. Dass ich einen Tisch als Tisch erkenne, Höhlen = Nis, oder jetzt, wo ich html-Code an einem Apfel tippe, eine Maschine aus einer Ahnenreihe von Maschinen, in die bereits Schneewittchen gebissen hatte, in die Turing gebissen hatte – wo ist keine Mathematik? Wir schlendern aus der Wohnung. Und, sowieso, Musik und Mathematik! Momus sagt, dass sei eben ein anderes Rechnen und Berechnen, eine intuitive Mathematik, die mehr mit Gefühl und also der rechten Gehirnhälfte zu tun habe.
Ich hatte mich an Gödel Escher Bach versucht, war aber nicht weit über – gefühlt – Seite 30 hinausgekommen, und zog es dann vor, mir das Musikalische Opfer lieber selbst anzuhören. Glücklich im Halbwissen. Oder vielleicht genauer: »Wissen meiden« (Wicki Wehrmeister, Superbilk). Oder vielleicht noch genauer: zu wissen, wann man genug hat an angelesenem Wissen. Der Hofstadter sei eines dieser Bücher, das er zwar aus abertausenden Haushalten kennen würde, aber niemanden, der es über – gefühlt – Seite 30 hinaus gelesen habe, meint Nick.
Im Flur streifen wir eine Schar von jungen Japanern, die alle den Todesreiter aus Aluminiumfolie in Claudia Delanks Salon des Arts unter uns anschauen wollen, und jetzt mit offenem Mund Momus betrachten, dessen Kleidungsstil zwar, wie er sagt, Thriftstore Osaka sei, aber, wie er mit Schiebermütze, Gilet, knickerbockerartigen Hose und seiner Augenklappe das Gründerzeit-Treppenhaus hinabsteigt, jeden an Ghost of Christmas Past, anno 1912, denken lassen muss.
Wir gehen an Paul Bratrings mächtigem Ziegelsteinhaus, der 19. und 20. Gemeindeschule, vorbei; während meiner Schulzeit allerdings konnte auch mich nie ein Lehrer für Mathematik begeistern. Weil sie einfach zu dumm und blöde dafür waren, Fachidioten, aber dazu gemacht von dummen und blöden Lehrplänen, die wiederum von noch viel dümmeren und blöderen Pädagogen erarbeitet worden waren, in die das genauso während ihrer Schulzeit eingepflanzt worden war: eine Escher-Spirale…
Jahre später, als ich mich mühsamst durch die Welt der Quanten arbeitete, wünschte ich mir, nur einer meiner Physiklehrer hätte damals gesagt, Okay, wir quälen uns jetzt durch Newton und Hebelgesetze und so einen Quatsch, aber unser Ziel sind die Quarks und die Relativitätstheorie, wir werden ins All fliegen und in den unendlichen Raum zwischen den Atomkernen, wir werden Schönheit entdecken und Malerei, Sprache, Gemüse, Fäulnis und Verderben, Poesie, »Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie, Archäologie, Politik, Politik, Archäologie« (Thea Djordjadze, Museum Kurhaus Kleve, 2008) und Die Basis des Make-Up…
Im Einundzwanzigsten Jahrhundert sollte Mathematik längst von einem Künstler (Musiker, Autor,…) unterrichtet werden oder zumindest von ihm parallel oder sequentiell ergänzt werden; Religions-Schulstunden sollten längst der Mathematik zugewiesen worden sein, gerne flankiert von einem Über-Ich-Programm wie Ethik oder Neudeutsch Lebenskunde. Der Moment des Beginns, als sich irgendetwas, das vielleicht von einem Anderswo, von Aussen oder Innen hineintunnelte, als sich dieses Irgendetwas in Null und Eins spaltete, womit es dann eben losging und dann weiterging und weitergeht und weitergehen wird, bis es irgendwann thermodynamisch, entropisch wieder in eine Singularität fallen wird, die dann vielleicht in ein Anderswo, von Innen oder Aussen, hineintunneln wird, oder eben auch nicht, also, dass man diesen Moment, den Beginn von Schönheit, den man nicht näher benennen kann oder muss, oder wie Werner Heisenberg zur Quantenmechanik wünschte, sie doch bitte auf der Ebene der Mathematik zu belassen, und nicht den Weg des Illustrativen à la Watson-Crick-Rosalind-Franklin zu gehen, wenn das jemand mit seiner gefühligen Seele braucht, dann kann man diesen Moment des Durchgangs von mir aus auch als 7-15-20-20 (in der deutschen Sprache, 7-15-4 beispielsweise im Englischen) bezeichnen, also schon illustrativ, aber zumindest scheint die Mathematik durch.
In Kaisers Kolonialwarengeschäft decken wir uns mit Bier ein. Reichlich. Für uns und die anderen Gäste. Kleines Einmaleins, sowieso okay.